Hilfe, ich hab den Mama-Blues!

Zum Tausch bereit

Es hat mich voll erwischt: ich habe den Mama-Blues. Der äußert sich bei mir in einer tiefen Sehnsucht; einer Sehnsucht nach Ruhe, Gesprächen in angemessener Lautstärke und kinderfreien Räumen. Und so starre ich mit müden Augen am frühem Morgen Anton hinterher, der um kurz vor sieben das Haus verlässt. „Da flüchtest du, in die Abgeschiedenheit deines Büros“ hauche ich ihm nach und möchte in diesem Moment für alles in der Welt mit ihm tauschen. Anton kommt noch einmal zurück, tippt sich an die Stirn und sagt „spinnst du eigentlich, weißt du, was bei uns im Laden gerade los ist?“. Ich möchte laut rufen, dass das nichts ist gegen den Laden hier zuhause. Dass ich seinen Chef mit Handkuss übernehme, der Zahlentabellen in korrekter Form mag, wenn er nur Jimmy betüddelt, der in forschem Ton verlangt, ihm zuerst seine Fußballtabellen korrekt niederzuschreiben, dann nach einem Becher warmer Milch brüllt und anschließend lamentiert, dass sein Lieblingstrikot wieder in der Wäsche ist. Ich möchte auch viel lieber einem Kollegen zuhören, der in epischer Breite von seinen Wochenendausflügen berichtet, wenn ich mir dafür nicht in Endlosschleife Luises Bobo-Cds anhören muss. Außerdem möchte ich auf der Stelle eine zweistündige Skype-Konferenz mit der Führungsriege eines mittelgroßen, schwäbischen Industriekonzerns moderieren, wohingegen ich auf eine weitere Stunde mit einem unzufriedenen Einjährigen momentan auf der Stelle verzichte. Anton guckt verdutzt, wirft mir dann vor, dass ich ungerecht zu unseren drei über alles geliebten Kindern bin und sie doch wahrlich Goldschätze sind. Ich schmeiße mit der leeren Milchflasche nach ihm und wir verabschieden uns grußlos und missmutig in einen weiteren All-Tag.

Klage in D-Moll

Nach einem Jahr Oskar on the rocks und einem Job als Allround-Babysitter, vormittags Brei, Wäsche und Besorgungen, nachmittags Spielplatz, Kinderturnen und Abendessen, erscheint mir bei einem allgegenwärtigen Lärmpegel von 100 Dezibel und dem pausenlosen Streit von Jimmy und Luise ein Full-time-Job mit anspruchsvoller Tätigkeit und fordernden Kollegen wie ein Wellness-Urlaub im Hotel Bergkristall. Dass Anton das anders sieht und sich nach nichts mehr sehnt als einem Nachmittag mit den Kids ist eine andere Geschichte. Mir fehlt meine Arbeit, mir fehlen Redaktionssitzungen und Kundengespräche. Mir fehlt das Gefühl, ein Projekt beendet und einen Artikel geschrieben zu haben. Meine Jungs und mein Mädchen sind mein Ein und Alles und ich würde niemals etwas anderes lieber machen als drei solchen famosen Kindern beim Aufwachsen zuzusehen. Dennoch singe ich zur Zeit den Blues, auch wenn es eine Klage in Moll und auf hohem Niveau ist.

Es fällt mir nicht schwer, meine Kinder anzuschauen und zu denken: Mensch, seid ihr spitzen Typen. Aber es fällt mir sehr schwer, bei dem Anblick von vier Ladungen Buntwäsche irgendwelche Motivationsgründe zu erdenken, um diese immerwährende Sisyphos-Arbeit anzugehen. Ich kann keinen Babybrei mehr sehen geschweige denn auf Temperatur hin überprüfen. Ein Einkaufszettel voller Punkte abzuarbeiten, Schuhe zum Schuster zu bringen und Geschenke für den anstehenden Kindergeburtstag zu besorgen erscheint mir äußerst mühsam. Spielplatzbesuche am Nachmittag sorgen dafür, dass meine Mundwinkel herunter hängen wie die der Bundeskanzlerin. Worte wie Kinderturnen, Eier ausblasen und Bügelperlen lassen mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Wenn es 17:30 Uhr ist und bei uns die Happy Hour beginnt mit schreiendem Kleinkind, müder Luise und mies gelauntem Jimmy, dann ist Abendessen machen und Kids ins Bett bringen fast so schwer wie Physik-Tests bestehen oder Korea befrieden.

Mama hat ne Phase

Zum Glück weiß ich aus Erfahrung, dass das alles nur eine Phase ist. So wie ein zahnendes Baby, ein tobendes Kleinkind oder ein Schimpfwörter zeternder Vorschüler ist eine Frau mit Mama-Blues meist eine vorübergehende Erscheinung. Ein paar Gläser Sekt mit Maren, ein Telefonat mit Rike oder ne Runde Dauerlauf mit Carolin beheben den oberflächlichen Schaden. Cool down, Nerven bewahren und sich auf das große Glück besinnen, das ich habe, hilft mir in den nächsten paar Wochen, wieder zu Höchstform aufzulaufen…war ein Witz, Mütter-Kolleginnen… ich meinte natürlich wieder normal zu werden. Bis dahin möchte ich mich bei Menschen aus dem Dorf, denen ich nur ein müdes Nicken zur Begrüßung schenke, entschuldigen. Genauso wie bei meinen Kindern für eine Mama, mit der gerade nicht gut Kirschkuchen essen ist.

Allen Müttern, die wie ich ab und an mal unter dem Mama-Blues leiden, lasst euch gesagt sein: das ist ganz normal. Habt kein schlechtes Gewissen. Jeder Mensch hat zu gewissen Zeiten Tätigkeiten über, die er eigentlich wie bolle liebt. Das Mama-Sein gehört dazu. Und spätestens in vier Wochen backe ich wieder Motivtorten und füttere meinen Thermomix mit neuen Rezepten kann ich wieder lachen und lade zu Sekt und Selters ein.