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Lach- und Krachgeschichten

Fünfjährige Jungs sind schon herzig: dieses Selbstvertrauen in die eigene Stärke, dieses Wahnsinns-Ego und die vor Stolz erhobene Brust. Jedenfalls rennt seit ein paar Wochen bei uns ein Männlein durch die Wohnung, das bei jeder Gelegenheit seine Müskelchen spielen lässt. „Ich bin super-stark und blitze-schnell“ ruft es laut und wummst dabei den Ball in ein imaginäres Tor. „Sechs zu Null für mich“, ertönt es, und ich frage mich, wie lange die Nachbarn das noch aushalten werden. Jimmy ist nämlich nicht nur äußerst selbstbewusst geworden, sondern auch im Fußballfieber.

Wie alles begann

Alles fing mit der Fußball-Europameisterschaft an. Erst war Jimmy begeistert davon, dass im Wohnzimmer dauernd der Fernseher lief, dann interessierte er sich für die leuchtend gelben Shirts der Schweden und als er so langsam dahinter kam, um was es bei diesem Event eigentlich ging, wurde er von einem Feuer erfasst, das bis heute lodert und brennt. Es äußert sich in vielerlei Hinsicht und ist in unserem Haus weder zu übersehen noch zu hören. Jimmy trägt grundsätzlich nur noch Fußball-Trikots und einen Ball unter dem Arm. Eine Schirmmütze in Fußball-Optik ist sein ewiger Begleiter. Wenn er nicht gerade kickt oder wie ein Hampelmann den Neuer mimt, kommentiert er die Tätigkeiten seiner Mitmenschen: „Mama, eins zu null für dich“, wenn mir der Wurf seiner Unterhose in den Wäschekorb gelingt. „Luise hat mich gefoult“ brüllt er, wenn seine Schwester ihm ein Bein stellt. Fehlt nur noch, dass er dabei zwei kleine Fahnen schwingt. Natürlich wird Jimmy Profi-Spieler, wenn es nach ihm ginge, meine Vermutung lautet eher Schiedsrichter. Denn eines hat Jimmy von seinem Papa geerbt: die Leidenschaft für Regeln. Die kennt er in und auswendig und predigt diese lautstark auf dem Spielplatz beim Kick mit Freund Moritz. Hält dieser sich nicht an die Statuten der Fifa, weiß Jimmy sich nicht anders zu helfen, als hemmungslos zu heulen. Er kann nicht fassen, dass andere Jungs nicht wissen, dass es bei einem Foul einen Einwurf gibt (oder war es eine Ecke?).

Kicken wie Ronaldo

Wo wir auch sind, wird mal eben mit Straßenkreide ein Fußballfeld auf die Steine gemalt. Bis Jimmy Tor, Strafraum und Elfmeterpunkt gezeichnet hat, können schon mal 10 Minuten vergehen. Dann werden alle Menschen um ihn rum zum Mitspielen verpflichtet und wir stapeln uns im aberwitzigen Spielfeld-Format. Gerne zentriert Jimmy mir dann in einem Abstand von eineinhalb Meter einen Ball ins Tor, worauf lauter Jubel folgt. „Wie Ronaldo“, fügt das Kind hinzu, um gleich darauf wütend wie ein Rumpelstilzchen auf Schwester Luise loszugehen, die so eben den Elfmeterpunkt mit einer pinken Kreide in einen Luftballon verwandelt.

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Auch im Haus erkennt man schnell, das wir einen knallharten Fußballfan, ich möchte schon von -fanatiker sprechen, beherbergen. Wir lesen  „Die Teufelskicker“, hören selbige als Hörspiel und die von Jimmy einst leidenschaftlich gesammelten Kalender mussten dem Kickerheft und Bravo-Sport-Sonderausgaben zur Bundesliga weichen. Hier hat der Nachwuchs-Star natürlich alle Sammelkarten und Poster heraus getrennt und mit Papas Hilfe über das Bett gehängt. Wenn Jimmy mal keinen Ball durch die Bude knallt oder Fallen übt (an dieser Stelle ein Gruß an die unter uns Wohnenden), steht er an seinem Tischkicker und zockt. Aus Platzgründen steht dieser in meinem Arbeitszimmer (Juchuuu!), das seit neuestem außerdem mit einem von Jimmy gebauten Lego-Fußballfeld in den Maßen 1 x 0,4 Meter unbegehbar gemacht wurde. Hier spielen Jumpers fleißig um die Wette, manche Eltern mögen sich an die Sammelhüpfer aus dem Supermarkt zu EM-Zeiten erinnern.

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Der Bundesliga-Spezi

Jimmy hat sich übrigens Borussia Dortmund als Lieblings-Verein ausgesucht. Das hat natürlich in der näheren Verwandtschaft für Erleichterung gesorgt, denn aus Insider-Kreisen habe ich mir sagen lassen, dass Kinder mit einem Faible für den FC Bayern ähnliche Sympathieträger seien wie petzende oder besserwisserische Sprösslinge. Da Jimmy eine Tendenz zu letzterem hat, bin ich froh, dass wenigstens dieser Kelch, oder sollte ich Pokal sagen, an uns vorüber zieht. Regional verpflichtet sind wir natürlich auch dem VfB Stuttgart und so verfolgt Jimmy die Bundesliga am Wochenende wie ein Börsenmakler die Aktienkurse. Bei seiner letzten Untersuchung beim Kinderarzt konnte dieser seinen Mund nicht mehr schließen, als ihm der Junge die Ergebnisse aller Spiele vom letzten Wochenende aufsagen konnte – aus der ersten und zweiten Liga. „Und was ist aus den Kalendern geworden?“, fragte mich der Arzt, der unseren Jimmy schon lange kennt. „Hat sich erledigt“, bestätigte ich.

Läuft ein Fußballspiel im Fernsehen, müssen wir eifrig mit dem Kind verhandeln, wie lange geschaut werden darf. Beginnt es nach 18 Uhr, steht mir der Schweiß auf der Stirn. Denn dann ist Jimmy meist bis Spielende wach und ruft trotz Ermahnungen alle paar Minuten „Papa, wie stehts?“ aus dem Kinderzimmer, und wacht am nächsten Morgen übermüdet und in übelster Laune auf. Wenn Deutschland dann auch noch verloren hat, kann ich den Tag begraben, wenn ihr wisst, was ich meine…

Das Fußballfieber steigt

Jimmys Pläne für die Zukunft sind anspruchsvoll. Zusammen mit Bruder Oskar wird er Spieler beim BVB und kickt natürlich nebenher in der deutschen Nationalmannschaft. Wir sind nicht traurig über diese Ideen. Denn ein gewisser Nationalspieler und Weltmeister aus dem Jahr 2014 ist auf dieselbe Schule gegangen, in die Jimmy im nächsten Jahr geht, und hat ganz nebenbei den Eltern ein fesches Häuschen an den Ortsrand gebaut. Wir sind da voll Hoffnung, denn er spielt schon so gut wie Ronaldo, und das mit fünf Jahren, meint Jimmy, und haut sich auf die kleine Brust.

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Ich habe mich immer gefragt, wie manche Fußballfans zu ihrem Verein gekommen sind. Warum ist ausgerechnet ein Norddeutscher Nürnberg-Fan, ein Niedersachse Verehrer des FC Bayern oder wieso mein Cousin aus Wuppertal Anhänger des VfB? Nun kann ich die Geschichte einer lebenslangen und glühenden Verehrung für einen bestimmten Verein live an Jimmy miterleben. Er hat sich seinen Favoriten ausgeguckt, und das kam so:

Jimmy im Fußballfieber

Jimmy kennt ja eigentlich alle Vereine, die in der ersten Bundesliga spielen. Seit einem Jahr sitzen Papa und Jimmy nämlich Samstag abends um sieben vor dem Fernseher und gucken die „Fußball-Show“. Anton mit Bier, Jimmy mit Saftschorle in der Hand, diskutieren die beiden Regeln rund um den Ballsport. „Was ist, wenn der Schiedsrichter die rote Karte zeigt?“, oder „darf man seinen Gegner auch kneifen?“. Denn Jimmy liebt Regeln aller Art, hält sich gerne daran und erwartet selbiges auch von anderen. Dass Kindergartenkollegin Linda manchmal beim Memory schummelt, kann er kaum ertragen.

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Wir stellen nach: BVB gegen FC Bayern

So auch beim Fußball. Empört registriert er die Fouls, schüttelt den Kopf und fragt interessiert nach der nun folgenden Bestrafung. So, aber nun zum eigentlichen Thema. Jimmy ist seit langem im Fußballfieber, die bevorstehende EM hat das nun noch einmal gesteigert. Und so kam es, dass Oma und er das hiesige Maikäferfest besuchten und mal wieder im Schreibwarenladen vorbei schauten. Das ist für Jimmy ein Muss, denn dort informiert er sich über neue Kalender, die er dann der Oma abschwatzt. Und dort sah er ihn: einen wunderbar gelb leuchtenden, großformatigen Borrussia Dortmund-Kalender. Die Farbe Gelb, das Thema Fußball, und das zusammen in Form eines Kalenders – Jimmys Augen strahlten. Und stolz trug er den neuen Zeitplaner nach Hause, erblätterte den korrekten Monat und erfreut sich seitdem über Mats Hummels über seinem Bett. (Könnte ich mir selbst durchaus auch vorstellen…) Anton und ich waren erleichtert, dass Rot momentan nicht zu seiner Lieblingsfarbe gehört, sonst hätten wir nun einen FC Bayern-Fan in der Familie, und das möchte man ja vermeiden…

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Dass der BVB in dieser Saison zweiter wurde, machte Jimmy auch zufrieden. Aber da nun Bundesliga-Pause ist, widmet er sich einem anderen spannenden Thema, das runde Leder betreffend: seine Fußballparty zum fünften Geburtstag. Drei Einladungskarten wurden bereits von ihm selbst gebastelt und mit meiner Hilfe mit dem Hinweis versehen, dass die Gäste bitteschön im Trikot erscheinen möchten. Er hat Teams eingeteilt und plant ein ausgeklügeltes Turnier. Allerdings hat er auf eines hingewiesen: gelbe und rote Karten darf es auch keinen Fall geben. Denn diese Form der Bestrafung fürchtet er selbst wie der Teufel das Weihwasser. Dies ist im Übrigen auch der Grund, warum er auch keinesfalls in den ortsansässigen Fußballverein eintreten möchte. Von einem Juniortrainer eine rote Karte zu kassieren ist das wohl furchterregendste, was sich der Knabe derzeit vorstellen kann.

Jimmy hat mit seinem Fieber auch Luise angesteckt. Die beiden sammeln kleine Fußballhüpfer, die es in unserem Stamm-Supermarkt für einen gewissen Einkaufswert gibt. Es werden Hüpfwettkämpfe veranstaltet, Hüpfer getauscht, verglichen und benannt und Lego-Häuser für sie gebaut. Auch Sammelkarten nehmen die beiden beim Einkauf gerne entgegen.

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Die große Fußballparty

Jedenfalls habe ich angesichts des nahenden Großevents (ich meine den Geburtstag, nicht die EM!) mit Omas Hilfe bereits kleine Pokale sowie Deutschland-Girlanden besorgt, Opa zermartert sich seit Wochen den Kopf über die Gestaltung einer professionellen und Fondant-ummantelten Fußballtorte und Jimmy hütet sein neues Trikot wie einen Schatz. Zuerst hatten wir die grüne, deutsche Ausführung beim Kleiderschweden gewählt. Aber als mein Sohn vor ein paar Tagen entdeckte, dass es auch eines in seiner zweiten Lieblingsfarbe, orange, gibt, war er nicht zu bremsen. Er lag uns so lange in den Ohren, bis wir ihm auch die holländische Bekleidung schenkten.

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Jetzt bin ich gespannt, welche Mannschaft er bei der Europameisterschaft anfeuern wird. Eines habe ich nämlich gelernt: welcher Verein mir nahe ist, hängt ganz von der Trikot-Farbe ab. Aus diesem Grund feuere ich dieses Jahr die Franzosen an, denn das schicke Bleu hat mir schon immer gefallen.

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