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Eltern in Angst

Es gibt dieses Sprichwort mit den Wurzeln und den Flügeln, die wir Kindern geben sollen. Ich denke manchmal, dass es Eltern heute immer schwerer fällt, den zweiten Teil mit den Flügeln umzusetzen. Das finde ich schade und unglaublich traurig. Wie ich darauf komme? Pass auf, ich werde es dir erzählen:

Überwachung per GPS

Gestern Abend war ich beim Elternabend unserer Schule und die Lehrerin hat kurz berichtet, was aktuell ansteht. Unter anderem erzählte sie von ein paar Kindern, die seit dem neuen Schuljahr eine besondere kleine Uhr am Handgelenk tragen. Nun wüsste sie, dass das eine Uhr ist, mit der die Eltern die Kinder orten könnten, manche würden damit sogar telefonieren.

Ich konnte es kaum glauben. Andererseits erlebe ich jeden Tag, wie ängstlich Eltern sind, wenn es um ihre Kinder geht. Jimmy ist seit ein paar Wochen ein Schulkind und wir wohnen in einem traumhaften Ort mit besten Bedingungen für Grundschüler. Die Schule ist mitten im Ortskern, kaum ein Kind muss länger als 10 Minuten laufen. Die Straßen sind mittelmäßig befahren und überall sind Menschen unterwegs. Trotzdem ist Jimmy zusammen mit unserem Nachbarskind einer der ganz wenigen Erstklässler, die morgens alleine laufen. Von überall strömen Eltern herbei, die Kinder fest an der Hand.

Kinder haben ist nix für Angsthasen

Ich gebe es zu, ich warte um 12 Uhr auch manchmal mit einem bangen Gefühl auf Jimmy, der dann immer munter und gut gelaunt um die Ecke kommt und seinen Ranzen in die Ecke pfeffert. Aber mit diesem Gefühl müssen wir leben, wenn wir Kinder in die Welt setzen möchten, und zwar von Anfang an: Wir hoffen mit zitternden Händen auf ein positives Ergebnis beim ersten Ultraschall, wir beugen uns über unseren schlafenden Säugling und prüfen, ob er atmet. Wir kauern neben einem fiebernden Kleinkind und bitten das Thermometer, es möge endlich unter 39 Grad rutschen. Wir warten mit klammem Herzen auf ein Schulkind, das schon vor 10 Minuten hätte da sein müssen und wir werden sehr, sehr viele Nächte bangen, dass der Teenie endlich die Tür aufschließt und nach Hause kommt.

Als Eltern Angst zu haben ist normal, immerhin geht es hier um das Wertvollste, das wir in unserem Leben kennen. Auch die Aufforderung „mach dir keine Sorgen“ ist überflüssig, denn wir können sie nicht einfach wegwischen, diese Sorgen, die uns Magen, Kopf und Geist verrückt machen.

Wie können wir mit der Angst umgehen?

Wir haben diese Gefühle nicht in der Hand. Aber wir haben in der Hand, wie wir damit umgehen. Ob wir uns mit unseren Ängsten konfrontieren und einen Weg finden, damit umzugehen. Und weißt du was, es gibt so vieles, was wir in Bezug auf unsere Schulkinder machen können:

Wir können vernünftig überlegen, wie wir unsere Kinder bestmöglich schützen.Wir können ihnen von klein auf den Umgang mit dem Straßenverkehr beibringen, mit ihnen unterwegs sein, Laufrad fahren üben, über Straßen gehen, links und rechts schauen, Bus fahren, sie nach und nach an Verkehrsregeln gewöhnen und achtsam für mögliche Gefahren machen. Wir können ihnen erklären, warum sie nicht mit Fremden sprechen und keine Süßigkeiten annehmen dürfen. Wir können mit ihnen in den Ferien vor der Einschulung den Schulweg üben, immer wieder. Die Adresse auswendig lernen lassen. Ihnen Mut zu sprechen. Ihnen helle Kleidung und Ranzen mit Reflektoren kaufen. Sie so lange begleiten, bis sie sich den Weg selbst zutrauen. Kindern, die Trennungsängste haben, können wir sagen: ich weiß, dass du noch nicht gerne alleine läufst. Ich begleite dich und übe mit dir und lass dich nicht alleine. Ich möchte aber, dass du den Weg bald mit deinem Freund gehen kannst. Ich mache dir Mut, du wirst das schaffen! Wir können sie jeden Tag wenige Meter alleine gehen lassen, Stück für Stück, bis sie sich in ein paar Wochen vor der Haustür verabschieden.

Wir Eltern können uns mit unseren Ängsten konfrontieren und lernen, damit umzugehen, sie vielleicht sogar kleiner werden zu lassen. Ganz werden sie nie weg sein, aber so ist es nun mal, wenn wir Kinder haben.

Die andere Möglichkeit ist, unsere Angst auszuleben und sie weiter zu geben. Wir meiden den Straßenverkehr mit den Kindern von klein auf. Reden vor ihnen von gefährlichen Autos und Unfällen, erzählen Schauergeschichten von Männern, die Kinder von der Straße klauen. Und wir können sagen: ich gehe mit dir zur Schule, weil du das mit dem Rechts und Links schauen an der Straße nicht kannst. Wir können ihnen eine Uhr umbinden, mit der wir sie jederzeit orten können. Sie tickt und flüstert unseren Kindern zu: ich habe kein Vertrauen in dich und die böse Welt, ich muss dich jederzeit bewachen, denn die Gefahren lauern überall.

Wir Eltern können unsere Angst größer und größer werden lassen und sie unseren Kindern weitergeben, damit auch sie immer ängstlicher werden. Die Crux dabei ist: ein Leben in Angst ist wohl die größte Gefahr, die ihnen widerfahren kann.

Schulweg in Syrien

Ich habe vor einem halben Jahr ein Interview mit einer Mutter aus Syrien gelesen, die mit ihren Kindern in einer belagerten Stadt mitten im Kriegsgebiet wohnte. Und obwohl täglich Bomben fielen und auch schon Schulkinder getroffen wurden, gingen ihre Kinder weiter in die Schule. Was sollen sie auch anderes machen, fragte die Mutter. Ich kann sie doch nicht den ganzen Tag einsperren. Wir haben keine andere Wahl, als mitten im Krieg unser Leben weiterzuleben. Was würde diese Frau denken, wenn sie uns hier in Deutschland sehen würde? Sie würde sich wünschen, dass auch ihre Kinder so frei und sicher durch eine Stadt laufen und ihr Leben ohne Angst genießen dürften.

Eine andere Sache ging mir durch den Kopf: Neulich habe ich mit einem Bekannten gesprochen, der in seiner Firma für das Personalrecruting zuständig ist. „Die jungen Leute heute fordern viel, sind aber völlig unselbstständig,“ hat er gemeint. Ich tat es erst ab als dieses typische Gerede von der heutigen Jugend, die nicht mehr so sei wie früher. Aber ein wenig ist vielleicht was dran, denn die jungen Arbeitnehmer von heute haben an einer Uni studiert, an der es Elterninformationstage für die Mütter und Väter gibt. Das muss man sich mal vorstellen! Ich hätte meinen Vater für verrückt erklärt, hätte er mit meinem zukünftigen Professor sprechen oder sich den Mensa-Speiseplan anschauen wollen. Wenn das so weiter geht, gehen wir Eltern in 20 Jahren mit zum Bewerbungsgespräch und orten unsere erwachsenen Kinder am Wochenende per GPS um zu prüfen, ob sie auch gut in der Kneipe angekommen sind.

Wir möchten unsere Kinder mit Frühförderungskursen, Nachhilfestunden und einem schnellen Abitur fit für die Zukunft machen. Aber das wichtigste vergessen wir: Fit für die Zukunft sind Menschen, die Verantwortung tragen können, vor allem für sich selber. Und das beginnt beim Schulweg!

Ich möchte meine Kinder zur Selbstständigkeit erziehen, denn das ist mein Job als Mutter. Dabei sind die sprichwörtlichen Wurzeln genau so wichtig wie die Flügel. Wer aber zusammen mit den Wurzeln eine große Angst mit auf den Weg bekommt, traut sich nicht, sie auszubreiten und wird nie die unbändige Freiheit beim Fliegen spüren, für die alleine es sich lohnt, zu leben.

Und um noch einen Spruch zu zitieren, dieses Mal von Khalil Gibran:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.

Unsere Söhne und Töchter sind nicht unser Eigentum und wir dürfen ihnen nicht ihre Freiheit nehmen, weil wir Schwierigkeiten haben, mit unseren Ängsten umzugehen. Unsere Söhne und Töchter brauchen Mut, unser Vertrauen und vielleicht sogar hin und wieder einen kleinen Schubs. Vor allem aber haben Schulkinder das Recht auf Privatsphäre. Diese Ortungsgeräte werden an unser Schule zum großen Glück der Kinder künftig verboten.

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