Das Männchen vom Mars

Manchmal schau ich mir meinen Sohn an und bin mir sicher, dass er von einem anderen Planeten kommt, vielleicht vom Mars oder von Melmac. Man spricht dort eine andere Sprache, die viel mit Zahlen zu tun hat. Außerdem sind die Wesen von dort viel klüger als wir, sie lassen uns das nur nicht immer merken. Sie haben einen verteufelt guten Kleidungsstil und sie lieben öffentliche Verkehrsmittel und Kuchen.

Schon morgens gibt es erste Hinweise. Mein Sohn, nennen wir ihn hier mal Jimmy, zieht nicht einfach das an, was ich auswähle. Er möchte zuerst einen Streifenbody, am besten den mit langen Ärmeln. Darüber kommt die Strumpfhose, und darüber wahlweise der Katzen- oder der Autobody, kurzärmelig. Hose, Pullover oder andere sinnvolle Winterkleidung WILL er nicht. Das „will“ klingt bei ihm mehr wie ein langgezogenes „wieieieiel“ und ist wohl in Kombination mit dem Wörtchen „nicht“ das meist gesagte, nein, geschriehene Lieblingswort der Wesen vom Planeten Melmac. Jimmy trägt außerdem nur die blaue, nicht die rote Jacke, Gummi- statt Winterstiefel und die Streifen- statt der Wollmütze.

Auf dem Weg zum Kindergarten werden wir wie auf allen anderen Wegen von einer überdimensional großen Modellstraßenbahn, der U3, begleitet. Die U1, die U6 und die U13 bleiben meist zuhause. Jimmy hat vor allen Tieren Angst, vom Spatz bis hin zur gefährlichen Ziege, nur Katzen mag er, was die Vermutung, er komme vom selben Planeten wie Alf, bestätigt. Mein außerirdisches kleines Männchen benennt jede Zahl, die er sieht, und ist begeistert, wenn auf Autokennzeichen die acht zu finden ist. Beim Kinderturnen am Nachmittag möchte er in die Halle mit der Nummer drei, und fängt an zu heulen, weil die Geräte in Halle zwei aufgebaut sind.

Habe ich erwähnt, dass die Melmacker sehr gläubig sind? Doch damit nicht genug, sie sind ausnahmslos katholisch und lieben Engel und Marienstatuen über alles. Jimmy liebt den Gang in die Kirche, beträufelt sein Haupt mit einer Ladung Weihwasser, begrüßt den Heiligen Antonius und Josef stürmisch und eilt dann zu Maria. Für „ein Geld“ kauft er eine Kerze, zündet sie an und freut sich. Die „gelischen Kirchen“ möchte er zwar auch gerne besuchen, sucht die Maria aber stets vergebens.

Zum Essen mögen die Außerirdischen alles, was süß ist. Kuchen jeder Art bringt sie vor Verzückung fast aus der Fassung. Abends nehmen sie nur ein Ei zu sich, es muss aber ein „Frühstücksei“, also ein weich gekochtes, sein. Morgens reicht eine Flasche „warmes Milch“. Sonst tut es auch ein Honigbrot, das aber nur in Stücken und mit Gabel verzehrt wird, da die Finger sonst klebrig werden. Und das können die Wesen vom anderen Stern überhaupt nicht leiden.

Sie sind unheimlich musikalisch, die Melmac-Bewohner, und bevorzugen Elvis Presley und Rolf Zukowski. So schlecht wäre das ja nicht, würden sie nicht ein und das selbe Lied („Schulbus“ / „Blue Suede Shoes“) ca. 75 mal hintereinander hören.

Jedenfalls wundert es mich nicht, wenn morgen dieses lustige kleine Männlein von einer fliegenden Straßenbahn abgeholt wird, in der eine engelsgleiche Maria am Steuer sitzt. Sie wird ihm einen Zahlencode zuflüstern, Jimmy wird bestätigend nicken und dann sich

bekreuzigend in die Bahn steigen. Er trägt einen silberfarbenen Body und eine Elvistolle und winkt mir noch einmal zum Abschied. Adieu, du lieber Bubi, und grüß Alf von mir!

Pia

Pia Laura Froehlich

One Comment

  1. Super Post! Danke, dass du das Thema "wie von einem anderen Stern" aufgreifst. Ich fühle mich auch als Erwachsener manchmal noch wie von einem anderen Stern – weil ich hier und da ein wenig anders bin oder denke, als die "Norm" – dabei ist es meiner Meinung nach soooo schön, wenn man sich seine spezielle Sicht auf die Welt und seine wahren Leidenschaften bewahrt – Jimmy und sein Schwester können froh sein, dass sie eine Mama wie dich haben!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.