Mama wirds schon finden

Mama Stine auf Schatzsuche

Manchmal fühle ich mich in meiner Familie wie ein Pirat auf Schatzsuche. Oder eher wie eine Seeräuberbraut, die dem Bräutigam und den gemeinsamen Kindern den Rücken frei hält, damit diese Abenteuer erleben können. Ich bin nämlich Stine Störtebecker. Stine ist meist zuständig für das Sauberhalten des Schiffs, sorgt dafür, dass es immer genug zu Mampfen gibt und poliert nebenher die Waffen blitzeblank. Ihre Hauptaufgabe aber besteht in etwas ganz Anderem: Dinge suchen und finden!

Männer finden nichts

Das macht sie manchmal den lieben langen Tag. Vielleicht hätte sich die Braut über die folgenden Konsequenzen nach einer Vermählung mit Kapitän Barbarossa ein wenig mehr Gedanken machen sollen. Aber frisch verliebt wie sie war, störte es sie nicht, dass der gut aussehende Halunke bis zu drei Mal pro Tag die Schiffsschlüssel verlor und stets sie nach deren Verbleib fragte. Auch verlegte er gerne sein Monokel oder das Rundfunkgerät, mit dem er Kontakt zu seinen Piratenkollegen hielt. Oft stand er aber auch mit der Nase direkt vor dem Gesuchten, etwa wenn er im Seeräuberschrank nach seinen grünen Boxershorts mit den Papageien suchte. „Sie liegen dort, wo sie immer liegen“, antwortete dann die Seerüberbraut Stine Störtebecker und schaute ihn mit verliebten Augen an, während sie mit einem Handgriff die grüne Buxe hervorzog.

Mittlerweile schaut die Braut nicht mehr ganz so verliebt, wenn der Gatte seine sieben Sachen sucht. Und noch was hat sich geändert: die Seeräuber haben sich um zwei Personen vermehrt, und der männliche Seeräuber-Teil hat die furchtbare Krankheit geerbt, auch bekannt als unheilbare maskulin bedingte Findungsstörung. Nun sucht die Braut also nicht mehr nur die Dinge des Göttergatten, sondern auch die des Juniorpiraten.

„Wo ist mein Kuscheltier?“, zetert es nachts aus der Kajüte. „Mama, wo ist das letzte Puzzleteil?“, hört die Räuberbraut es täglich rufen. „Ich habe meine Taschenlampe verloren! Wo ist der rote Teller? Ich weiß nicht mehr, wo mein Lieblingssauto ist!“ So geht es den lieben langen Tag, und die Piratenfrau sucht daraufhin unter dem Kinderbett, in der Schiffsküche, im Kleiderschrank, in der Schatzkiste und im Schiffsverließ. Sie klettert unter Stühle, leuchtet mit der Fackel unters Sofa, kippt Spielzeugkisten aus und räumt alles anschließend wieder rein. Ungern tut sie dies in brenzligen Situationen: wenn die Zeit drängt, weil die Piratenkinder in den Seeräubergarten gebracht werden müssen, oder wenn ein Überfall einer anderen Piratenfamilie bevorsteht. Dann kommt der kleine William the Kidd mit den sonderbarsten Einfällen und den eigentümlichsten Wünschen nach ganz bestimmten Sachen, die er jetzt auf der Stelle braucht.

Unterwegs alles dabei?

Wenn die Seeräuberfamilie unterwegst ist, ist es für alle Mitglieder selbstverständlich, dass Stine zuvor alle gebräuchlichen Dinge eingepackt hat. Hast du Marys Windeln dabei? fragt Barbarossa. „Du hast doch sicher was zu trinken in der Tasche“, fragt Juniorpirat Willi, und Mary möchte auf der Stelle Schaufel und Eimer für den Sandstrand. „Wie, du hast das Sandspielzeug vergessen?“, hört Stine ihren Mann fragen, und um ein Haar holt sie das Schwert aus der Gürteltasche.

William the Kidd braucht minütlich irgend einen anderen Gegenstand. Wenn seine Mutter ihn auffordert, beim Suchen gefälligst zu helfen, hat sie den Eindruck, dass ihm dazu leider die Lust fehlt. Mama findet ja alles, scheint er zu denken, und zur Tarnung wandert er ein wenig über das Schiffsdeck. Auch schaut er eigentlich gar nicht hin, und es kommt vor, dass die gesuchte Lego-Eisenbahn oben in der Lego-Kiste liegt, er sie aber nicht entdeckt und einfach schon mal pro forma schreit.
„Irgendwie kommt mir das bekannt vor“, denkt sich die Seeräuberin, und ihr fällt ein, dass sie erst letzte Nacht Barbarossa bat, die Nasentropfen mit dem rosa Deckel aus dem Medikamentenschrank zu holen, weil die kleine Mary Red Schnupfen hatte. „Sind hier nicht drin“, attestierte er nach wenigen Sekunden. Die Piratengattin hingegen fand sie sofort.

Der heutige Morgen begann schlecht für unsere Räubersfrau. William the Kidd vermisste sein Leuchtarmband und heulte. Barbarossa suchte sein Fernrohr und fluchte. Und Mary Red fand ihren Schnuller nicht und schrie erbärmlich. Da wurde es Stine zu viel. Sie holte die Schlüssel für das Beiboot, nahm ihre Handtasche, die immer fertig gepackt am Eingang stand, und verließ die Meute für immer. Mittlerweile hat sie sich auf einer einsamen Insel niedergelassen. Sie verrät aber nicht den Breitengrad aus Angst, ihre Piratenfamilie könnte sie finden. Wobei – das ist nahezu unmöglich!

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Pia Laura Froehlich

2 Comments

  1. Liebe Carmen, mein Tipp: eine Koboldfalle. Einfach als Köder einen Schokonikolaus aufhängen, und wenn du Papierknistern hörst, schnell Decke drüber werfen und Kobold verkitzeln. Am Lachen kannst du schnell erkennen, ob es sich um einen Kobold, oder doch um deine adeligen Nachkömmlinge handelt! Vile Glück!

  2. schallendes Gelächter!!! Ich weiß ganz genau wie es Stine Störtebecker geht, denn auch hier auf Burg Hochkemnahausen hat die Adelsfamilie dieses Problem. Allerdings ist der Verursacher bereits benannt, aber noch nicht lokalisiert: Der hauseigene Kobold! Wenn wir den erwischen, dann kriegt er was auf die Langfinder 🙂

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