Bobo Siebenschläfer – das Opfer der Gleichberechtigung

Eine Antwort auf Mark Bourichters Abrechnung mit einem Kinderbuchhelden

Obwohl ich gerade alle Hände voll zu tun habe, denke ich oft an mein Blögchen und die liebsten aller Leser und habe auch richtig viele tolle Ideen im Kopf. Warum ich aber jetzt, zwischen einer Runde Homeoffice und einem Berg Wäsche in die Tasten hämmere, ist ein Link meiner geschätzen Freundin und Mitmutter: voller Wonne verlinkte Sie mir diesen Artikel in meine Mailbox, in dem sich ein Vater als Reich-Ranicki der Kinderbuchliteratur outet und so richtig über Bobo Siebenschläfer herzieht. Natürlich wird in den Kommentaren darunter eifrig diskutiert, ob der liebe Herr Bourichter nun als Erlöser aller Eltern endlich das Wort ergreife, oder ob er ne Macke habe und den Kinder das Vergnügen über einen nörgelnden und dauermüden Siebenschläfers einfach nur nicht gönne.

Und, wer geht zum Kinderturnen und zum Fußballtraining? Klar, Mama! (Markus Osterwalde: Bobo Siebenschläfers neueste Abenteuer, Rohwolt Verlag 2014)

Wir lesen, auf den Wunsch unserer Kinder, sehr viel aus den Bobo-Büchern. Und wenn ich das beim Thema Essen, Fernsehen und Klamotten anders sehe, dürfen Jimmy und Luise ihre Bücher selbst aussuchen. Doch nach der Lektüre des Herrn Bourichter, der sich ganz fürchterlich über das Rollenbild aufregt, dass die kleine Siebenschläfer-Sippe dort vertritt, bin auch ich nicht mehr sicher, ob wir da keinen fatalen Fehler begehen. Tut es meinen Kindern gut, wenn sie da von einer Mama in Kittelschürze am Herd und einem Papa im Office lesen? „In den Siebziger Jahren hängen geblieben“ sei diese „weichgespülte Geschichte“, echauffiert sich der Autor. Auch, dass Papa gerne mal in Ruhe seine Zeitung liest und im Gartenstuhl einschläft, lässt dem Kritiker keine Ruhe. Mist, kann durchaus auch bei uns vorkommen, denke ich. Zugeben, dass mein Highlight an so manchem Abend auch der Zeitpunkt ist, an dem Jimmy und Luise schlafen, würde ich unter dem strengen Blick des Super-Papas längst nicht mehr.

Wer kümmert sich um die Kinder? (Michael Ende: Wie Jim Knopf nach Lummerland kam, Thienemann 2006)

„Und da sind dann die klassischen Rollenbilder. Auf der einen Seite die liebevolle Mama, die lieber reagiert als agiert und auf der anderen Seite die sexy Siebenschläfer-Reisende, die im Minirock und ihrem „Auf-Krawall-Gebürstetem“-Dekolleté auf ihren Abflug wartet.

Spätestens, als ich diesen Abschnitt des Artikels gelesen habe, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Nun versuche ich, seitdem Jimmy sprechen kann, ihm zu erklären, dass auch Frauen einen Job haben und auch mal ins Büro gehen, und es einfach spitze ist, dass sein Papa ohne Probleme den Staubsauger schwingt. Da kommt jetzt einfach so ein Kinderbuch für Zwei-Jährige daher, und macht mir ein Strich durch meine Gleichberechtigungsrechnung? Ist Bobo vielleicht sogar von der CSU gesponsert?

Papa ist mal wieder arbeiten. Macht Mama eben den Haushaltskram – Pfui! (Eva Wenzel-Bürger: Conni-Geschichten, die stark machen, Carlsen Verlag 2002)

Dankbar schicke ich in Gedanken einen Feministinnen-Gruß an den bloggenden Daddylicious Mark Bourichter. Dann stürme ich sofort zum Kinderbuchregal und räume kurzerhand alle Bobo-Bücher heraus, um sie in den Keller zu bringen. Da fällt mir „Lotta fährt Fahrrad“ von Astrid Lindgren in die Hand. Jimmys Lieblingsbuch erzählt von Lotta, ihren Geschwistern und den Eltern. Mama ist zuhause, Papa geht ins Büro! Eigentlich kann ich gleich die ganze Lindgren-Reihe aussortieren. Hier gibt es kein vernünftiges Frauenvorbild, außer Pippi. Wenn diese nicht solche komischen Straps-Strümpfe tragen würde…

Stockman scheint sich kein Stück um seine Stöckchen kümmern zu wollen! (Axe Scheffler und Julia Donaldson: Stockmann, Beltz&Gelberg 2012)

Auch „Der kleine Wassermann“ fällt meiner Roten Liste zum Opfer, denn hier herrscht eine Rollenverteilung wie vor 200 Jahren. Die gesammelten Connie-Werke können nicht bleiben, denn wer füttert Kinder, backt Pizza und erledigt den Einkauf? Klar – Mama. Bei Jim Knopf stört mich, dass nicht Lukas Baby und Eisenbahnerjob miteinander zu vereinbaren versucht. NEIN, es muss natürlich Frau Waas sein, die sich dem Säugling annimmt. Stockmann, der alte Chauvi, wird direkt mitausgemistet, und alle Märchenbücher taugen auch nichts mehr für meine moderne Erziehung aus dem zweiten Jahrrausend. Einzig den Vater von Hänsel und Gretel würde ich durchgehen lassen, oder was sagen Sie dazu, Herr Bourichter?

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Übrigens, Ihnen empfehle ich „Die dumme Augustine“ von Otfried Preußler und Herbert Lentz, erschienen im Thienemann Verlag, sage und schreibe im Jahr 1972 !!! Die ist jetzt als einziges Buch im Regal übrig geblieben. Wenn Ihnen auch hier die Sprache zu niveaulos scheinen sollte, müssen Sie eben wie bei Bobo anfangen, „die Sätze auszuformulieren oder etwas ausführlicher die Bilder zu beschreiben.“ Das machen Sie ja so gerne. Naja, hauptsache, Ihnen gefällts!

Feministische Grüße an den Spiegel,
Ihre Pia Laura

Pia Laura Froehlich

2 Comments

  1. Super geschrieben!!! Und liebe Laure: Bitte stelle deine Bücher wieder ins Regal… Soll Herr Bourichter sich doch seine perfekten Kinderbücher selber backen… 😉

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