Auf Wiedersehen, lieber Märchengarten

Abschied von Riese Goliath

Fragt man unsere Kinder, was sie gerne unternehmen möchten, ist die Antwort stets dieselbe: „Wir möchten in den Märchengarten“. Also satteln wir das Auto, packen Altpapier, 10-cent Münzen, Wechselklamotten und Verpflegung ein und fahren nach Ludwigsburg ins Blühende Barock.

Märchen stehen bei uns hoch im Kurs, und zwar schon lange. Auch ich liebe sie, habe mir dennoch immer den Kopf darüber zerbrochen, warum Kinder so fasziniert von diesen alten Geschichten über sprechende Tiere, böse Stiefmütter und Königssöhne sind. Wer hier schon länger mitliest, kennt sicher auch meine Geschichten in Märchenform, zum Beispiel hier oder hier.

Aber ich habe eine Antwort gefunden, und zwar eine sehr weise. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Autor, schreibt in seinem Buch „Wie Kinder heute wachsen“ über die Helden der Märchen. Die sind keineswegs ausgestattet mit Superkräften wie Batman, Spiderman oder wie diese ganzen Muskelprotze von heute alle heißen, und die ich selbst für nicht kindgerecht halte. Nein, die Helden der Märchen sind von einem ganz anderen Schlag. Sie starten meist aus einer schlechten Position heraus, und zwar „als Däumling, als letztgeborener, belächelter, schwächster oder behinderter Sohn“, so Renz-Polster. Manchmal haben sie dazu auch noch eine grausame Stiefmutter, die Ärmsten. Auf jeden Fall begeben sie sich dann auf ihren Weg und überwinden ihr Abenteuer am Ende, indem sie sich weiterentwickeln, etwas lernen oder Erfahrungen machen. Sind sie mit schwierigen Prüfungen konfrontiert, erhalten sie Hilfe von guten Geistern, kleinen Wesen oder lieben Tieren. So bekommen „die Helden (…) Flügel verliehen, in dem sich bei ihnen innerlich etwas tut – indem sie sich als Mensch entfalten. Dann erst erscheint der Held als Sieger.“ (S. 144)

Ist das nicht wunderschön? Und ist es nicht noch wunderschöner, dass sich unsere Kinder mit diesen kleinen Helden identifizieren? Und ist dieses Motiv des Widerstandes, den es zu überwinden gilt, den kleinen Menschen nicht auf den Leib geschneidert, die in eine beängstigende Welt hinweinwachsen, fragt am Ende Renz-Polster?

Seit ich das gelesen habe, bin ich ein noch größerer Märchenfan, und im übrigen auch von diesem Kinderarzt, dessen Bücher ich hier demnächst unbedingt vorstellen möchte und aus tiefem Herzen allen Eltern empfehlen kann.

Aber nun zurück zu unserem Ausflug. Gestern ging es also aus besonderem Anlass ins Blühende Barock: der Märchengarten schließt ab dem 9. November bis März seine Pforten und wir möchten uns von Dornröschen und Co ordentlich verabschieden. Wie im Canstatter Zoo haben wir auch in diesem Park einen fest vorgegebenen Weg, der eingehalten werden muss. Da ist Jimmy sehr penibel. Und so laden wir unser gesammeltes Altpapier beim sprechenden Müllschlucker ab, der sich mit seiner tiefen Stimme für jede Zeitungsseite ordentlich bedankt. Dann tauschen wir beim Esel Münzen gegen Golddukaten und brüllen ein bis zwei Mal „Töpflein koche“, auf dass der Brei zur Freude aller überkocht. Nun kommt die kritischste Stelle: das Schloss von Riese Goliath. Eigentlich laufen wir im Stechschritt und mit geschlossenen Augen an diesem Koloss vorbei. Die Warnung, er sperre die Kinder bei fortschreitendem Lärmen in seinen Kerker, sitzt Jimmy seit dem ersten Besuch in den Knochen. Doch gestern geschieht das Unfassbare: Er möchte sich von Goliath verabschieden, bevor der sich an diesem Abend für ein halbes Jahr in seine Gemächer verzieht. Auf Papas Arm traut sich Jimmy ganz nah ran. Währendessen male ich mir aus, wie der Riese Goliath in den Adventsmonaten den Arbeitsausfall im Märchengarten mit einem Job am Glühweinstand auf dem Ludwigsburger Weihnachtsmarkt finanziell ausgleicht.

Nun ist auch das geschafft und wir schauen uns gefühlte 20 Mal das Märchen vom Däumelinchen an (eine ganz typische Heldin), machen einen großen Bogen um Frau Holle und den Wolf und flitzen dann zu den Bremer Stadtmusikanten. Böötchen fahren, mein persönliches Highlight, kommt heute aus zwei Gründen nicht in Frage: es ist höllisch voll und Jimmy möchte nach wie vor grundsätzlich nicht in Schiffchen einsteigen, die in ein weit geöffnetes Fischmaul hinein fahren. Luises Highlight ist die schwäbisch sprechende Hexe und das Eis, das Oma spendiert. Auf dem Rückweg brüllen beide Kinder am Räuberfelsen so laut „Sesam öffne dich“, dass der auf seinem Goldschaft sitzende Ganove die Tür vor Schreck ganz schnell wieder zuknallt.

Wir verabschieden uns noch vom schönen Dornröschen und bewundern Rapunzels Zopf, ehe wir für endlose fünf Monate ein letztes Mal durch den Ausgang gehen. Auf Wiedersehen, ihr lieben Hexen und Helden. Bis nächstes Jahr. Und schlaft gut!

Ps.: Habt ihr auch Erfahrungen  mit Märchen? Mögen eure Kinder genau wie Jimmy die einen mehr (Frau Holle, Bremer Stadtmusikanten, Knüppel aus dem Sack), die anderen weniger (Rotkäppchen)? Ich bin gespannt auf eure Antworten. Bis dahin verabschiede ich mich  mit einem gepflegten und satten Goliath-Lachen: HA-HA-HA!

Pia Laura Froehlich

4 Comments

  1. Meine Kinder (2 und 4) sind verrückt nach dem bösen Wolf, also Rotkäppchen und Der Wolf & die 7 Geislein! In abwechelnder Rollenverteilung müssen wir die Märchen mind. 3 Mal am Tag nachspielen. Der Märchenpark klingt nach einem tollen Ausflugsziel, ist für Frühjahr vorgemerkt 🙂

  2. Das Besondere an Märchen ist, sie gehen immer gut aus. Da steckt Hoffnung drin. Das Gute siegt übers Böse, ein archetypisches Muster, das tief in uns steckt, uns im Leben Kraft und Halt gibt.

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