Der Erschöpfungskreislauf von Müttern. Interview mit Anne Meinhold

Heute habe ich wieder eine sehr spannende Gästin in meinem Podcast: Anne Meinhold arbeitet seit 25 Jahren psychotherapeutisch in eigener Praxis in Berlin. Vor knapp zehn Jahren beschäftigte sie sich intensiv mit sozialer Rollenprägung und den psychischen Auswirkungen und konzentriert sich seitdem auf die Arbeit mit Müttern und Eltern. Sie erklärt in dieser Folge, warum ihr die Gender-Psychotherapie so wichtig ist und weshalb Faktoren wie Mental Load und die Ursachen von Überlastung, speziell bei Müttern, in psychotherapeutischen Methoden bisher viel zu wenig Beachtung fanden.

Denn es gibt große Unterschiede zwischen der Rollenprägung von Männern und Frauen und die macht sich in der Psychotherapie stark bemerkbar. Frauen und Männer haben im Durchschnitt andere Schwierigkeiten, was laut Anne Meinhold viel zu wenig berücksichtigt wird. Das möchte sie ändern und bezieht deshalb in ihrer Arbeit die Rollenprägung immer mit ein.

Bei ihrer Arbeit mit berufstätigen Müttern fiel ihr ein Muster auf. Diese Frauen sind oft rund um die Uhr beschäftigt und meistern täglich ein krasses Arbeitspensum. Bei jedem Manager / jeder Managerin würde man bei den vorhandenen Symptomen ein Burn Out diagnostizieren. Bei Müttern wird diese Erschöpfung als normal hingenommen, so Anne.

Im Podcast erzählt sie von diesem speziellen mütterlichen Erschöpfungskreislauf, der ihr fast täglich begegnet. Denn die Überlastungsdepression zeigt sich in verschiedenen Stufen:

1. Überarbeitung in Kombination mit fehlender Anerkennung

2. Der Glaube: Ich bin nicht gut genug, ich müsste noch viel mehr leisten. Die anderen schaffen das doch auch. Dadurch entstehen Gefühle von Scham und Schuld

3. Scham und Schuld führen dazu, dass die Betroffenen nicht über die Belastung reden können, denn sie suchen den Fehler bei sich. So folgt dann auch noch Einsamkeit.

Als ich Anne fragte, wieso diese Fakten bisher keine große Rolle gespielt haben, antwortete sie mir, dass die psychotherapeutische Theoriebildung bis 1970 ausschließlich von Männern geprägt wurde. Sie ist nach wie vor die Grundlage der Ausbildung von Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen. Und solange es keine Literatur dazu gibt, werden auch keine Methoden entwickelt. Das ändert sich nur langsam, da die Berufsverbände weiterhin oft von Männern dominiert werden. Umso besser, dass es Menschen wie Anne gibt, finde ich.

Jedenfalls haben wir beide in dieser Folge festfestgestellt, dass sich die Gesellschaft weiterhin auf Mütter verlässt, die sich durch das kaum zu meisternde Arbeitspensum oft unzulänglich fühlen. Weil es bequem ist, alles beim Alten zu lassen, gibt es zu wenig Menschen, die ein Interesse daran haben, etwas zu ändern – und die Mütter selbst haben keine Kraft, um auf die Straße zu gehen.

Übrigens arbeitet Anne auch mit Paaren. Für sie ist klar: Eine Beziehung ist nur glücklich, wenn beide zufrieden sind, und sich nicht eine:r ausgenutzt fühlt. Unsere Rollenprägung sorgt insbesondere in heteronormativen Beziehungen für einen Graben zwischen den Geschlechtern. Und so haben Männer oft das Gefühl: „Ich mache doch viel mehr als mein Vater.“ Frauen mit Westbiografie, deren eigene Mutter zuhause die gesamte Care-Arbeit übernommen haben und nicht berufstätig waren, haben dagegen das Gefühl, dass sie den Haushalt nicht gut genug führen, wenn sie berufstätig sind. Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen in Sachen Vereinbarkeit führt bei Paaren nicht selten zu Konflikten in Bezug auf die Arbeitsteilung, erklärt Anne.

Ihr folgendes Zitat ist gleichermaßen wahr wie erschreckend:

„Wenn wir uns die Situation der Mütter angucken, wird die nicht besser, sondern schlechter. Das heißt, der Pay Gap, die Lücke der Bezahlung zwischen Nicht-Eltern schließt sich langsam, aber die zwischen Eltern wird immer schlimmer und die Belastung der Frauen wird immer mehr. Mütter fühlen sich heute, würde ich sagen, deutlich schuldiger als vor 20 Jahren.“

In meiner Podcast-Folge zeigt Anne Handlungsspielräume für Eltern auf. Diese hängen natürlich auch stark von den Umständen des eigenen Lebens ab, aber zum Beispiel den Tipp mit dem schlafenden Bären können sicher besonders Mütter (und Väter) von Kleinkindern gut gebrauchen. Und sie rät Folgendes:

Wenn ich erschöpft bin und mich nicht schuldig fühle, habe ich schon etwas gewonnen.

Viel Freude beim Hören, ich wette, was Anne sagt, ist für dich so erkenntnisreich wie für mich.

 

Webseite: Anne Meinhold

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Buchtipps:

Die Erschöpfung der Frauen von Franziska Schutzbach (Affilate Link)

Unsichtbare Frauen von Caroline Criado-Perez (Affiliate Link)

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