Essenszeit mit Kevin und Chantalle

Eigentlich sind Jimmy und Luise ganz wohl erzogene Kinder. Und sie sind ja auch noch klein, das heißt, eine Begrüßungsverweigerung hier oder ein bisschen Affentheater da gehört in dem Alter auf jeden Fall dazu. Wie gesagt, rundherum kann ich zufrieden sein, wäre da nicht das gemeinsame Essen an einem Tisch. Dabei spielt es keine Rolle, ob bei uns zuhause, bei Oma und Opa, im Restaurant oder sonstwo im Café – wenn es um Tischmanieren geht, verwandeln sich Jimmy und Luise regelmäßig in ihre alter ego Kevin und Chantalle.

Es geht schon los beim Decken. Pädagogisch wertvoll beziehe ich die Kinder in die Arbeit mit ein und rufe „wer möchte heute ein Helferlein sein?“ ins Wohnzimmer. Das ist der Punkt, an dem Jimmy vom Paulus zum Saulus wird. Seine Ohren schalten auf stumm, lediglich Luise trippelt heran und knallt mit einer Wucht die Porzellanteller auf den Esstisch, dass sich in mir alles zusammen zieht. Dann bringt sie sämtliches Besteck an Ort und Stelle (wichtig: ihr Kindermesser) und setzt sich schon mal auf ihren Stuhl. Leider brauche ich noch ein bisschen Zeit, um Brot und Co zu kredenzen, und da wird es Zeit für den Auftritt von Chantalle. Obwohl die kleine Dame genau weiß, dass wir erst mit dem Essen beginnen, wenn alle sitzen, haut sie sich schon mal vier Scheiben Lyoner-Wurst in den Mund. Dann brüllt sie „Durst“ und überhört meinen Hinweis auf das fehlende Wörtchen „Bitte“ geflissentlich.

Nun muss ich mindestens drei Mal mach Kevin rufen, der irgendwann mit einem Haufen Spielzeug beladen zu uns schlurft, Keyboard, Kalender und Spielzeugautos auf den Tisch schmeißt und dabei sein Glas mit Sprudel umkippt. Es folgt ein ohrenbetäubendes Gebrüll, weil er sich dabei seinen Pullover nass macht.

Chantalle stopft weiter Wurst in sich hinein, ich nehme sie weg und verweise sie auf Brot, welches man gewöhnlich unter die Lyoner legt. Sie wird wütend und schmeißt bei dem Versuch, sich nun eine Scheibe Käse zu krallen, auch ihren Becher um. Das Wasser kriecht zum zweiten Mal in die Tischritzen und unter die Bank.

Egal, wir fangen an, reichen uns die Hand und sprechen unser Sprüchlein. Ab jetzt sind die Kinder für die nächten 20 Miunten nicht dazu bereit, beim gemeinsamen Essen den Po auf dem Stuhl zu lassen. Dauernd steht einer auf, hängt mit dem Oberkörper auf der Tischplatte und in der Leberwurst, versucht, sich auf Papas Schoß zu mogeln oder muss dringend aufs Klo. Dieser Umstand wiederum reizt mich zu andauernden Ermahnungen und endet meist in einem immer wieder kehrenden Höhepunkt: einer knallt vom Stuhl runter, haut sich die Birne an und beginnt zu weinen. Chantalle liebt es besonders, zu mir auf die Bank zu kommen, dort oben hin und her zu laufen und mit einem Mal und einem lauten Pardauz in die Lücke zwischen Tisch und Sitzgelegenheit zu fliegen. Es scheppert, sie heult und ich kriege einen Vogel.

Chantalle isst übrigens auch während des gesamten Abendbrotes nur Belag pur oder leckt Leberwurst vom Brot. Wenn überhaupt, mag sie nur das Weiche vom Brot und lässt die Rinde großzügig übrig. Bitten, befehlen, flehen und drohen hilft nicht. Demonstrativ beginnt sie auf dann, die Kerne aus dem Brot zu puhlen und auf den Boden zu schmeißen. Wenn wir strenger werden, fliegen Teller und Becher hinterher. Kevin mampft so lange sein Abendbrot mit weit offenem Mund, sein Popo wackelt ohne Unterlass. Alle beiden Kinder stemmen sich andauernd mit den Armen vom Tisch ab und Anton und ich sind laufend damit beschäftigt, sie wieder heran zu schieben. Dabei reden wir uns den Mund fusselig und predigen Tischmanieren, die unserer Meinung nach von den Kindern zu erwarten sind.

Nach drei Bissen weichem Brotinneren schreit Chantalle: „NAAAACHTISCH“ und verlangt nach Rosinen, Yoghurt oder Gummibären. Das lässt sich auch Kevin nicht zwei Mal sagen, schmeißt seine Rinde auf Papas Teller und stimmt mit ein.

Wir haben schon alles probiert: Haben unsere Regeln am Tisch erläutert, haben Chantalle ins Zimmer gebracht, auf den Schoß genommen, gut zugeredet, auf die Tischplatte gehauen oder einfach so getan, als sehen wir nichts – vergebens. Wir müssen einfach damit leben, dass Kevin und Chantalle auf ewig mit uns essen werden. Zum Glück kehren regelmäßig hinterher wenigstens Jimmy und Luise zu uns zurück.

Hier ein paar gesammelte Tischregeln, die mal mehr und eher weniger eingehalten werden:

  • Wir beginnen gemeinsam mit dem Essen und sagen zuvor einen Spruch auf. Erst dann greifen wir zu
  • Die Popos bleiben auf dem Stuhl
  • Vor der ersten Scheibe Brot darf sich jedes Kind ein Stück Wurst „on the rocks“ nehmen, dann gibts nur noch Brot und Belag zusammen
  • Alle Kinder warten mit dem Aufstehen so lange, bis alle anderen Kinder fertig sind mit dem Essen
  • Es gibt nur noch Sprudel anstelle von Saftschorle, denn der lässt sich besser aufputzen und verklebt nicht den Boden
  • Ein Vierjärhiger kann auf jeden Fall schon versuchen, den Mund beim Essen zuzumachen und beide Ärmchen auf den Tisch zu legen
  • Nach dem Nachtisch gibt es für Mama und Papa einen Schnaps

Guten Appetit!

Pia Laura Froehlich

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