Mutter geht auf die Straße

Ich bin ein Mensch, der Zeit zur eigenen Verfügung sehr zu schätzen weiß. Noch mehr weiß ich das zu schätzen, seit ich Kinder habe. Waren früher Wochenenden mit endlosen freien Stunden selbstverständlich, so sind sie mir heute wertvoller als Geld und Gold.
Ebenso wertvoll ist Schlaf. Auch diesem wunderbaren Zustand kann ich erst jetzt den nötigen Respekt entgegen bringen, seitdem ich davon immerzu zu wenig habe. Eine durchschlafene Nacht, Aufwachen am Sonntagmorgen um 10 Uhr.. alleine bei diesen Gedanken wird es mir wehmütig ums Herz.Last but not least ist das dritte, von dem ich träume, ein eigenes Bett für mich alleine. Genug Platz, um mich umzudrehen, die Beine auszustrecken…. mmmmh.

Diese drei Dinge, Zeit, Schlaf und ein Bett für mich, muss ich seit geraumer Zeit entbehren. Und nun bin ich zu einem Punkt gekommen, an dem ich glaube, den Verlust nicht länger auszuhalten, und stelle daher die vehemente Forderung an meine Kinder und die Bundesregierung:

Jede Mutter braucht

  • abends ab 20 Uhr mindestens zweieinhalb Stunden zur freien Verfügung
  • nachts ein Minimum an 6,5 Stunden Schlaf
  • eine 80 cm x 200cm große Fläche im Bett für sich alleine

Jaja, ich weiß, die Forderungen sind überzogen, aber es muss ja noch Spielraum für Verhandlungen geben! Und damit auch die kinderlosen Leser wissen, warum ich das fordere, erkläre ich den momentanen Stand der Dinge:

Wie mir zwei kleine graue Gestalten meine Zeit und mein Bett klauen

Beim ersten Augenaufschlag gehts los und hört nicht auf, bis ich wieder im Bett liege: ständig will Jemand was von mir. Meist sind es die Kinder, in den Wonnestunden in meinem Büro die Kunden. Und weil das so ist, möchte ich, dass Jimmy und Luise nach dem Zubettgehen ruhig sind und schlafen, sodass ich ein, zwei Stunden machen kann, was ICH will. So der Plan. Leider halten sich die Beiden zur Zeit nicht daran. Denn nachdem Anton und ich Milchzähne geputzt, beim Umziehen geholfen, Wasser verteilt, gelesen und gesungen haben, geht es bei uns weiter:

ich sitze voller Hoffnung vor dem Fernseher und schaue die Abendnachrichten. Da kommt Jimmy aus dem Bett gewitscht und muss noch aufs Klo. Danach sucht er seine Magnetzahlen, um die Anzahl seiner Klogänge genau zu dokumentieren. Er findet sie nicht und ruft nach mir. Luise ruft auch. Sie will nicht ohne Jimmy schlafen und kommt auch aus dem Bett.
„Legt euch bitte wieder hin und schlaft“ sage ich geduldig. Dann höre ich es Klappern. Nach drei Minuten schaue ich nach: Luise füttert ihr Pferd mit Holzmöhren, Jimmy sucht in seiner Schatzkiste nach der Taschenlampe. Die zweite meiner Ermahungen folgt, dieses Mal ist der Ton schärfer. Ich sitze wieder vor dem Fernseher. „Bitte mehr Wasser“, ruft Luise. Das gefüllte Glas kippt sie sich prompt über den Schlafanzug. Das Kind wird umgezogen, Jimmy schaut interessiert. Nun ist Ruhe, denke ich, und setze mich wieder. Es ist 20:45 Uhr.

Luise kann nicht schlafen und fängt an zu weinen. Jetzt muss Anton zu ihr. Er singt erst „Der Mond ist aufgegangen“, dann „Die Sonne geht nach Hause“ und zum Schluss noch „Weisst du wieviel Sternlein stehen.“ „Mama singen!“ befiehlt Luise. Ich rufe laut „Nein“ aus dem Wohnzimmer, sie fängt wieder an zu weinen. Um des lieben Friedens willen lasse ich mich noch zu „Schlaflied für Anne“ und „Müde bin ich geh zu Ruh“ überreden, meine Sendung im Fernsehen ist sowieso vorbei.

Nun ist Ruhe, und ich kann es mir nicht verkneifen, dies auch noch einmal im Kinderzimmer mit dezenten Drohungen auszudrücken: „schlaft! Und ich sage das jetzt zum letzten Mal!“ Ich nehme mein Buch, lege mich ins Bett. Um 21:20 Uhr ruft Jimmy nach mir. Ihn juckt es am Hinterteil, wir sollen mal nachschauen. Darauf folgt eine Runde Badezimmer, der Waschlappen kommt zum Einsatz und Jimmy geht auch gleich nochmal aufs Klo. Am Schluss findet er die Magnetzahl sieben nicht und ich bin kurz vorm Ausrasten.

Um 22:30 Uhr lege ich mein Buch zur Seite, viel konnte ich nicht lesen, und schlafe ein. Luise weint gegen 23 Uhr, eine dreiviertel Stunde später und dann noch einmal um halb eins. Anton und ich wechseln uns ab und beruhigen das Kind. Um eins holt Anton sie zu uns ins Bett, sonst geht das noch stundenlang so weiter. Gegen halb drei werde ich wach: Jimmy kommt schlurfenden Schrittes zu uns und legt sich neben mich. Der Teddy fehlt, und bevor er zu weinen beginnt, hole ich ihn rasch. Schlafen kann ich so nicht mehr. Ein Kinderbein tritt nach mir, ich habe noch 30 cm breit Platz und lausche dem Schnarchkonzert, das sich mir zweistimmig darbietet. Ich flüchte ins Kinderzimmer und mache die Tür zu, wo ich gegen 6 Uhr prompt hochschrecke: Lautes Kinderheulen dringt durch die Wände. Als Antons Wecker klingelte, sind die Kinder aufgewacht und nun empört, dass Keiner mehr neben ihnen liegt. Zeit zum Frühstücken!

Mutter geht auf die Straße
So, das war die Dokumentation der letzten Nacht. Die anderen Nächte unterscheiden sich nur marginal. Da auch ich ein Mensch mit Bedürfnissen bin, die ich zwar schon auf die Minimalforderung herunter geschraubt habe, aber die dennoch vorhanden sind, richte ich meine Forderung nun an die Europäische Kommission, den Bundesgerichtshof und die Genfer Konventionsrichter. Ansonsten kündige ich mein Amt als Mutter und mache meinen Traum war: ich ziehe samt Bibliothek, W-Lan Anschluss, Netflix-Account, Ohrenstöpsel und Schlafmaske nach Sibirien in eine einsame Hütte und werde von da an nur mehr Lesen, Serien schauen und Schlafen. Das ist eine ernst zu nehmende Drohung, UND ICH SAGE DAS JETZT ZUM LETZTEN MAL!

Pia Laura Froehlich

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