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Vereinbarkeit von Familie und Beruf

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Ein Brief an meine Tochter

Liebe Luise,

ich möchte dir ein paar Dinge über das Leben erklären, denn ich habe mit meinen 33 Jahren schon so einiges an Erfahrung gesammelt. Ich weiß zum Beispiel, dass du immer einen Schirm in deiner Tasche haben solltest, wenn du im April rausgehst. Ich weiß, dass Zucker und Weißmehl schlecht für die Haut sind. Ich weiß auch, dass viele Männer es nicht mögen, wenn Frauen laut darüber reden, dass sie immer noch in vielen Bereichen benachteiligt sind. Und ich habe begriffen, dass in Märchenbüchern immer nur der Prinz sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Karriere mit Kind ist nicht drin!

Aber nun gebe ich dir den wichtigsten Rat von allen: im Leben musst du dich entscheiden, und zwar für Kind oder Karriere. So ist das nämlich bei uns in der Welt. Denn eine gute Mutter kann nicht gleichzeitig drei Kinder betreuen und nebenher auch noch Geld verdienen. Das geht nicht, denn die Kinder tragen einen Schaden davon, wenn Mama immerzu ihr Business vorantreibt, anstatt zuhause Brei zu kochen und Türme zu stapeln. Das kannst du gerne im Intenet nachlesen. Gib doch mal bei Google „Kleinkindbetreuung und nachhaltige Beeinträchtigung“ ein. Siehst du!

Du hast neulich gesagt, dass du Tierärztin oder Pilotin werden möchtest. Tja, das ist ja heutzutage machbar. Aber dann kannst du eben keine Kinder haben. Super, dass du das schon so früh weißt, oder? Die Generation vor dir, ich und all die anderen Mütter, die hier auf dem Spielplatz rumhängen, wir waren noch so blöd und haben eine aufwändige Ausbildung oder ein schweineteueres Studium gemacht. Dein Opa hat den Wert eines mittelgroßen Mercedes in mein Studium gesteckt, nur damit ich mit Ende 20 ein Kind bekomme, mir mein Arbeitgeber in der Elternzeit kündigt und ich nun zuhause sitze, weil dein Papa mehr Geld verdient. Hätte Opa mir mal lieber so gute Ratschläge gegeben wie ich dir jetzt, wäre ich nach der zehnten Klasse vom Gymnasium abgegangen, hätte deinen Papa einfach früher kennengelernt und dich schon mit 21 Jahren bekommen. Dann wärst du nun nicht vier, sondern 12, Opa hätte sich von dem gesparten Geld ein Segelboot gekauft und ich könnte, während du in der Ganztagsschule bist, eine Yogalehrerinnen-Ausbildung machen.

Als Frau kannst du nicht alles haben

Aber gut. Wir waren bei deiner Ausbildung. Bin ich froh, dass du Tierärztin werden willst. Noch besser wäre, du machst was mit IT. Dann kannst du nämlich richtig Moos machen. Oder du wirst Unternehmensberaterin. Aber eins sage ich dir: Papa und ich zahlen dir kein Tiermedizinstudium, damit du dann doch den Traumtyp kennenlernst, mit dem du dann Kinder haben möchtest. Wie gesagt, du musst dich entscheiden, denn als Frau kannst du nicht beides haben. Erst neulich habe ich wieder einen Artikel bei Xing gelesen. Da hat eine Anwältin geschrieben, dass sie einen Stapel von Klagen auf dem Tisch hat. Da haben sich doch tatsächlich Frauen beschwert, weil sie nach der Elternzeit den Job verloren haben oder nun eine Tätigkeit im Keller-Archiv ausüben, der nicht ihren Qualifikationen entspricht. Sie haben ja schließlich lange und erfolgreich irgendwas mit PR und Literatur studiert, motzen die Damen. Tja, selbst schuld, sage ich da nur. Dann hätten sie sich eben nicht von diesem charmanten Typen schwängern lassen sollen.

Zum Glück haben bei Xing dann viele Menschen nette Kommentare geschrieben und der frechen Anwältin mit den aufsässigen Klientinnen mal ein bisschen was vom Leben erzählt. Nämlich, dass sich diese Mütter das mal vorher hätten überlegen können, weil – du weißt es ab jetzt besser – sie sich zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen.

Eine andere, sehr kluge Frau mit dem Herz auf dem richtigen Fleck hat im Internet zu diesem Thema geschrieben:

Wer soll es den Personaler verübeln? Wenn ich (rein Logisch bitte!) eine Stelle besetzen soll,

stelle ich auch die flexiblere und evtl. auch kürzlich besser geschulte Kraft ein. That’s life!

Recht hat sie, denn im Arbeitsleben gehts am Ende um das, was im Betrieb hinten rauskommt, nämlich die Kohle! Wenn dabei Arbeitnehmer drauf gehen, sei es, weil sie krank werden oder schwanger, muss man das im Prinzip als Kollateralschaden betrachten. Wenn ich Personaler wäre, würde ich generell nur männliche, gesunde und bestens geschulte Menschen ohne Elternzeit-Lücken einstellen. That´s life, wie das Liebchen hier so schön formuliert hat.

Luise, lern dich in Bescheidenheit

Ich kann gar keinen Beruf lernen, wenn ich mal eine Familie gründen möchte, fragst du mich vielleicht? Nun, irgendetwas kannst du schon machen, so zum Zeitvertreib. Damit du was zu tun hast, wenn die Kinder größer sind. Aber es muss ja nicht unbedingt was Aufwendiges und Teueres sein und du musst es auch nicht zwangsläufig gerne machen, denn du hast ja schließlich die Kinder, den Mann und das Haus. Wenn du also eine besondere Leidenschaft für Tiere hast, täte es ja auch ein Hund oder ein Meerschweinchen. Oder wenn du so gerne fliegst, könntest du dir von deinem gut verdienenden Liebsten einen Heißluftballonflug wünschen. Große Träume zu verwirklichen und beruflich durchzustarten ist dir als Mutter eben nicht möglich, bitte akzeptiere das mal und beschwerde dich nicht dauernd. Und eines sage ich dir: Eure Schmutzwäsche zu säubern und die Hemden von deinem Papa zu bügeln kommt meinem Traum vom Glück schon ziemlich nah. Also, sei bitte ein wenig bescheidener, wenn du dir eine Familie wünschst.

#ArschCooleArbeitgeber

Damned if you do and damned if you don`t

Achso, auf Kinder zu verzichten kann ich dir im Übrigen auch nicht so ganz empfehlen. Spätestens ab 33 werden dir alle Bekannten und Freunde Geschichten von tickenden Uhren und Einsamkeit im Alter erzählen, hinter dem Rücken über dich sprechen und solche Sachen sagen wie „warum sucht die sich nicht endlich mal einen Mann?“ Oder sie fragen dich, ob es nicht irgendwie egoistisch ist, auf Kinder zu verzichten und dann vom fetten Monatseinkommen nicht einmal etwas zu spenden. Krasse Karrierefrauen sind den Menschen nicht geheuer und du wirst dich sowieso nur ärgern, wenn du rausfindest, dass dein Piloten-Kollege 10 Mille mehr im Jahr macht.

Also, liebe Luise. Letztendlich ist es deine Entscheidung. Ich will nur nicht, dass es hinterher heißt, ich hätte dich nicht gewarnt. Und noch ein letztes Wort dazu, warum ich diesen Brief nicht an deine Brüder schreibe. Die müssen sich nicht entscheiden, und zwar deshalb, weil sie ein Y in ihrem Chromosomensatz haben. Das findest du ungerecht? Tja, thats life, Liebchen!

Deine Mama

Ps.: Liebe Luise, in der Zeit habe ich mal einen schönen Artikel über Ironie gelesen. Da hat ein kluger Mann namens Matthias Kalle gesagt, dass Ironie zeigt, dass einem etwas nicht gleichgültig ist. Ironie helfe, Distanz zu überwinden und sie erfordere ein genaues Hinsehen auf die Dinge. Vor allem aber ist Ironie ein Ausdruck zum Veränderungswillen: „Ohne Ironie zu leben heißt, die Dinge, wie sie sind, als gottgegeben zu nehmen.“ Und eines will ich nicht hinnehmen: dass irgendwelche dummen, uninspirierten Menschen von dir verlangen, sich zwischen Kindern und Beruf entscheiden zu müssen. Deshalb kämpfe ich mit Nina zusammen, die auch einen Artikel dazu verfasst hat, in Form von Worten für dich und für alle kleinen Mädchen. Ich kämpfe dafür, dass ihr euch niemals entscheiden müsst, wie sich auch Männer niemals entscheiden müssen. Dafür haben wir die Aktion #ArschCooleArbeitgeber ins Leben gerufen. Wir wollen zeigen, dass es im Arbeitsleben auch anders geht. Dass es Unternehmen gibt, die sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzen.

Ich unterstütze hiermit die

Forderung von Anwältin Sandra Runge

  • Alle Mütter müssen eine Chance auf einen fairen Wiedereinstieg haben
  • Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Eltern sollten verbessert werden
  • Neue Diskriminierungsmerkmale könnten Benachteiligungen sanktionieren

Für dich, für meine starke Luise, die alles schaffen kann, wenn sie will!

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Ladies, das ist für euch

#ArschcooleSuperfrauen, wer sollen die denn sein? Das habe ich mir heute so überlegt, als ich über AndreaHarmonika von StadtlandMamas Blogparade erfuhr. Ganz klar, die gibts, da habe ich keine Zweifel: Sie experimentieren, erfinden, dichten, schreiben, politisieren und bringen die Welt ins Wanken. Und ganz klar, die kommen in der (Kinder-)Literatur immer noch viel zu wenig vor, wie Andrea so schön beschrieb:

Nichts gegen Mark Twain, Albert Einstein, Martin Luther King, Cäsar oder Benjamin Blümchen. Aber mit Euren Geschichten werden unsere Kinder sowieso aufwachsen.

Also hat sie einen ganz wunderbaren Vorschlag für ein Kinderbuch, in dem lauter tolle Frauen beschrieben werden. Klar, dass ich das Bilderbuch Good Night Stories for Rebel Girls für meine Tochter Luise kaufen werde, und natürlich auch für meine Söhne. Denn dass die sich mal eine #ArschcooleSuperfrau suchen (oder natürlich auch einen ArschcoolenSupermann), ist für mich keine Frage. Ich schreibe heute aber für andere #Arschcoole Superfrauen.

Arschcoole Superfrauen

  • stehen jeden Morgen schon um sechs Uhr auf, weil das Baby brüllt und der Mann bereits ins Büro gedüst ist. Noch bevor sie den ersten Kaffee getrunken haben oder zumindest mal auf dem Klo waren, trösten sie Morgenmuffel, putzen 20 bis 60 Kinderzähne, schmieren Brote, pellen Zappelbeine in rosa Strumpfhosen, sehen selbst eher mäßig aus und bringen die lieben Kleinen in die diversen Aufbewahrungsanstalten, um danach im Affentempo ihrem Tagwerk nachzugehen.
  • kümmern sich den ganzen lieben langen Tag um Minderjährige. Sie stapeln Klötze, füttern Brei, lesen vor, malen mit Wachsmalstiften Zootiere, verteilen Kekse und Apfelschnitze, kochen Mittagessen, helfen bei den Hausaufgaben, gehen auf Spielplätze, leihen Bilderbücher aus der Bücherei, reparieren Legobauten, stopfen Jeanslöcher und gönnen sich als Belohnung um 21.30 Uhr eine halbe Stunde Lesen auf dem Sofa.
  • arbeiten halbtags im Job, reißen sich ein Bein aus um pünktlich zu sein, arbeiten ohne Pause und auch mal mit fettem Schnupfen durch. Es soll ja keiner sagen, dass Mütter im Office nicht so viel gebacken kriegen wie kinderlose Frauen. Ohne Mittagessen stürmen sie Richtung Kindergarten, packen Anna, Max und Moritz ins Auto, holen auf dem Weg eben noch Milch, Brot und Käse und wischen bei der Ankunft daheim als erstes die Bude durch.
  • stecken beruflich zurück, weil sie einen „typischen Frauenberuf“ gewählt haben und der Mann sowieso viel mehr verdient. Sie lieben zwar, was sie studiert oder in der Ausbildung gelernt haben, aber die Kinder brauchen schließlich eine Bezugsperson und erst gestern wurde sie auf dem Spielplatz „Rabenmutter“ genannt, weil sie die Kinder erst um zwei Uhr von der Kita holt. In ihrem Lebenslauf klaffen fette Lücken und wenn der Rentenbescheid kommt, gehen sie zum Lachen in den Keller.
  • stemmen ihr Leben, den Job und die Kids alleine, weil der Mann ihrer ewigen Meckerei überdrüssig wurde und sich in eine Kollegin verliebt hat, die „irgendwie so locker drauf ist und nicht immer Stress macht“. Sie haben ein ewig schlechtes Gewissen, weil sie zu wenig Zeit für die Kinder haben sowie ein ewig leeres Konto, weil der Ex mal wieder vergessen hat, die Kohle für Mia und Molly zu überweisen.
  • helfen sich gegenseitig aus, weil sie alle in einem Boot sitzen. Sie leihen sich eine warme Schulter zum Anlehnen, Babysachen, Bücher, ein offenes Ohr oder teilen Sekt, ein Krankenhauszimmer, Sorgen und Schwangerschaftsklamotten.
  • legen sich für Frauenrechte ins Zeug, hören sich von Typen an, dass sie üble Emanzen sind, regen sich ordentlich über die fehlende Gleichberechtigung auf, kämpfen gegen desaströse Umstände in der Arbeitswelt und wissen zu Recht, dass echte Männer starke Frauen lieben.
  • bloggen über Familie, Kinderhaben, the real life, Politik, Frauen und Gesellschaft. Machen anderen Frauen mit ihren Texten Mut, bringen hunderte von Lesern zum Lachen, bauen eine Gemeinschaft auf, rufen Blogparaden ins Leben.

Ladies, viele #ArschcooleSuperfrauen sind bekannt und berühmt, haben einen Preis bekommen oder sind in der Tagesschau zu sehen. Ok, es sind immer noch viel zu wenig und ich hoffe, dass sich das künftig ändern wird. Aber viele #ArschcooleSuperfrauen, die jeden Tag preisverdächtiges leisten, werden überhaupt nie genannt. Dieser Text geht an euch, ihr arschcoolen Alltagsheldinnen.

Für die Mami mit dem Schreihals in der Babykarre
Für die Mami mit der dreihalsigen E-Gitarre
Die mit dem Lachen, dreckig schön wie Schlammschlachten
Und den großen Funkplatten in den kleinen Handtaschen
Für all die Füchsinnen und Dende-Frauen
Aus „Diese Party ist noch lange nicht zu Ende!“-Town

(Beginner, So schön)

Vereinbarkeit von Familie und Beruf  #Elternmachenaufstand

Neulich las ich einen Artikel in der Zeit-Ausgabe Nr. 34, der mir so sehr aus der Seele sprach. Ich hätte die Autorin Johanna Schoener am liebsten direkt umarmt für ihre weisen und wahren Worte. „Zu platt für den Aufstand“ lautete die Überschrift und es ging um das ewig leidige Thema: wie vereinbaren Eltern Familie und Beruf? Nicht besonders gut, war das Resumé der Autorin, und das liegt auch an den Eltern selbst. Deshalb starte ich heute den Aufruf #Elternmachenaufstand

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Politiker und Arbeitgeber drücken sich

Seit Jahren drückten sich Politiker und sehr viele Arbeitgeber darum, ernsthafte Antworten zu geben auf die Frage, wie Familien gefördert und gleichzeitig Eltern die Berufstätigkeit ermöglicht werden kann. Denn Fakt ist, dass dies in vielen Haushalten schwer umzusetzen ist, schreibt Johanna Schoener. Die Autorin berichtet in ihrem Zeit-Artikel, dass 60 % aller Eltern mit Kindern unter drei Jahren familiäre und elterliche Aufgaben gerne zu gleichen Teilen übernehmen möchten, aber nur 14 % dies auch umsetzten.

Warum das so ist? Nun, darauf habe ich eine Antwort, in die meine eigenen Erfahrungen reinspielen. Auch ich möchte mir gerne mit Anton die Arbeit teilen, und zwar sowohl den Haushalt als auch das Geld verdienen. Anton wäre sogar bereit dazu, denn er hat kein Problem damit, sich zuhause ordentlich zu engagieren. Ein Problem haben wir nur mit dem Geld. Weil er, wie so viele Familienväter, wesentlich mehr verdient als ich, arbeitet er in Vollzeit, ich in Teilzeit. Er ist nach 10 Stunden Arbeit froh, den Rest der Zeit für die Kinder aufbringen zu können. Abendessen, ein paar Körbe Wäsche, an drei Bettchen sitzen – dann ist der Tag auch schon rum. Ich selbst habe unter Druck meine Halbtagsschicht am Schreibtisch erledigt, die Kinder abgeholt, den Haushalt gemacht, war auf dem Spielplatz und beim Turnen. Und so haben wir oft das Gefühl, im Klein-Klein unserer Alltagsorganisation unter zu gehen, wie es Schoener so schön formuliert. Gut, wir Frauen wählen statistisch gesehen unseren Beruf eher nach unseren Interessen, die Männer mehrheitlich nach Karriereaussichten und einer vernünftigen Entlohnung. Tatsächlich habe ich am schönen Bodensee in deutscher Lyrik und europäischer Geschichte geschwelgt, ohne mir Gedanken über einen Job zu machen, der auch anständig Knete abwirft.

#elternmachtaufstand

Dennoch scheint mir dieses Argument nicht ganz so schlüssig, denn wenn alle Menschen Abteilungsleiter und Maschinenbau-Ingenieure sind, wer arbeitet dann im Kindergarten, wer wird Kranken- oder Altenpfleger? Auch die Berufe werden schlecht entlohnt, und sind doch so wertvoll und wichtig wie keine anderen! Keine Mutter könnte arbeiten, wenn Kindergärtnerinnen alle zuhause bei ihren Kindern bleiben, weil sie weniger verdienen als ihr Mann.

Meine Forderung an die Politik

Deshalb fordere ich von der Politik, dass etwas geschehen muss. Wieso müssen wir Familien so viele Abgaben zahlen, obwohl wir haufenweise Ausgaben haben? Wieso bin ich später eine arme Rentnerin, obwohl ich jahrelang zuhause war und Kinder zu vernünftigen und gebildeten Erwachsenen erzogen habe, die später den Staat mit hohen Steuern versorgen? Warum werden Alleinerziehende nicht besser unterstützt und wieso nimmt die Politik in Kauf, dass diese mehrheitlich weibliche Gruppe oft gegen drohende Armut kämpft oder sogar schon als arm gilt? Wieso sind Arbeitgeber nicht flexibler und werden vom Staat für familienfreundliche Arbeitsplätze sogar belohnt?

Ideen gibt es schon

Die Politikerin Manuale Schwesig hat eine Idee: Eltern sollen zwei Jahre lang mit 300 Euro unterstützt werden, wenn sie die Berufstätigkeit zugunsten der Betreuung der Kinder auf 28 bis 36 Stunden reduzieren, und zwar beide. Das berichtet Schoener in ihrem Artikel, und sie schreibt von einer weiteren Idee: Jutta Allmendinger schlägt vor, eine neue Vollzeit von 32 Stunden in der Woche einzuführen, und zwar für alle – als Durchschnittswert für das ganze Erwerbsleben. So können Menschen eine Zeit lang reisen, wohltätig sein, Kinder erziehen, Eltern pflegen oder was sonst noch in einem Leben anfällt,. das nun mal nicht immer so geradlinig läuft, wie wir es uns vorstellen.

Wenn Anton und ich mehr Luft hätten und beruflich weniger unter Druck stünden, könnten wir uns den Kindern intensiver widmen, hätten mehr Zeit, um den Haushalt zu organisieren und wären weniger gestresst. Eltern leisten im Schnitt 58 Wochenstunden, davon knapp 31 unbezahlt, schreibt Johanna Schoener. Und ich kann die Zahlen bestätigen. Mein Feierabend beginnt derzeit um 21 Uhr. An manchen Tagen verzichte ich auf eine Pause, weil es einfach zu viel zu tun und zu viele Kinder zu behüten sind.

Noch immer ist es doch so, dass viele Väter ungern früher aus dem Büro gehen, weil zuhause die Bude brennt. Die Kollegen könnten sich ärgern, der Chef unzufrieden sein über den engagierten Vater. Auf jeden Fall klappt es nicht mit der Beförderung, wenn der Mitarbeiter 10 Tage im Jahr wegen spuckender und hustender Kinder frei nimmt. Und wer mit dem Vorgesetzten einen Termin vereinbart, um 12 Monate Elternzeit zu beantragen, hat zu Recht Herzklopfen. Denn um den Hals fallen wird der Chef ihm sicher nicht.

Unsere Kinder bezahlen eure Rente

Nun mokieren sich wieder die Menschen, die auf der Chefseite sitzen. Immer diese Eltern, die doch angeblich so viele Sozialleistungen beziehen, und andauernd früher aus dem Büro gehen wollen. Der Laden muss nun mal laufen, und da sind diese Halbtagskräfte mit Anhang doch irgendwie sehr unzuverlässig. Tja, muss ich darauf antworten, das Problem der Menschheit ist, dass wir aussterben, wenn wir uns nicht vermehren. Dass aber diejenigen, die das Vermehren übernehmen, die Zeche für alle andern bezahlen müssen, ist unfair. Diese Kinder mit ihren Krankheiten und diese besorgten Eltern, die dauernd hinter ihnen herlaufen, anstelle ihren Job am Schreibtisch erledigen, sorgen dafür, dass es in 20 Jahren genug Fachkräfte gibt, die sich auf die offenen Stellen bewerben, und die dann die Steuern für unsere Rente bezahlen, und zwar auch für alle kinderlosen.

Deshalb wünsche ich mir flexiblere Möglichkeiten am Arbeitsplatz. Homeoffice-Plätze, Verständnis für Eltern, die wegen kranker Kinder nach Hause müssen, Akzeptanz für und Respekt vor Vätern, die länger in Elternzeit gehen, Festverträge für Frauen in allen Branchen, besonders im Verlagswesen, Teilzeit-Ausbildungen für junge Eltern, mehr Entgegenkommen gegenüber Alleinerziehenden und insgesamt mehr Respekt für die ehrenwerte Aufgabe, Kinder zu erziehen.

Eltern, macht den Mund auf!

Was mich aber besonders an dem Artikel aus der Zeitung angesprochen hat, war Schoeners Appell an die Eltern. Denn dass Politiker und Arbeitgeber mit den vorhandenen Ungerechtigkeiten durchkommen, liegt auch an der Sprachlosigkeit der Eltern. Ich finde, sie hat Recht. Wir gehen nicht auf die Straße, wir beschweren uns nicht. Wir diskutieren über banale Erziehungsfragen und Breirezepte anstelle über Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wir machen Fotos von Motivtorten und posten sie auf Instagram, wir legen uns für ausgefallene Geburtstagsfeiern rein, als gebe es kein Morgen mehr. Wir verurteilen einander, weil wir Babys nicht stillen oder sie früh in die Kita geben. Wir schauen genauso herab auf Mütter, die nicht arbeiten wie auf Mütter, die extrem viel arbeiten.

Wir Elternblogger erreichen mit unseren Texten tausende von Lesern und schreiben die meiste Zeit über DIY, Ordnung im Kinderzimmer oder das richtige Einschlafritual. Klar, das brauchen wir Eltern und das wollen wir lesen, ohne Einwände. In diesem Klein-Klein unseres Familienalltags liegt schließlich die größte Herausforderung und letztendlich auch unser größtes Glück.

Aber wie wäre es, wenn wir Eltern zusammenhalten würden, anstatt uns das Leben gegenseitig noch schwerer zu machen? Wenn wir uns politisch engagieren würden, ob im Elternbeirat des Kindergartens, im Kirchengemeinderat oder in unserer Stadt, um unseren Wünschen eine Stimme zu geben? Wenn wir auf Elternblogs neben all den anderen Themen noch viel mehr über Vereinbarkeit von Familie und Beruf schreiben würden?

Mein Aufruf: #Elternmachenaufstand

Mein Aufruf an alle Eltern lautet deshalb: diskutiert auf dem Spielplatz neben Erziehungsfragen und Kindergartenphilosophie auch über Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Teilt eure Nöte im Job und berichtet von euren Erfahrungen. Schaut nicht herab auf Mütter, die dauernd arbeiten oder nur zuhause bleiben. Tut euch zusammen und helft einander. Auch Männer sind gefordert. Gemeinsam überzeugt ihr den Chef, dass eine familienfreundliche Politik gut für das Image ist. Zieht den Hut vor anderen Vätern, die früher gehen, um ihre Frau zu unterstützen.

vereinbarkeit von familie und beruf

Mein Aufruf an alle Elternblogger lautet: lasst uns noch mehr Artikel über unsere Forderungen an die Politik schreiben und diese dann kräftig untereinander über die Social Media-Kanäle teilen. Was könnte besser laufen in unserer Gesellschaft, und was für eine Unterstützung wünscht ihr euch? Was läuft bei euch schief, oder was läuft richtig gut? Habt ihr einen tollen Chef, oder lässt er euch hängen, wenn die Kinder krank sind?

Mein Aufruf an die Elternbloggerkonferenzen: lasst uns neben Selbstmarketing, Social Media und Sponsoring öfter auch darüber reden, was wir politisch erreichen wollen und können. Dass Elternblogger politisch sind, wurde von Alu auf dem Blog Großekoepfe thematisiert. Also los, lasst uns noch mehr Politik machen, und zwar eine, die Eltern entlastet!

Zusammen könnten wir dafür kämpfen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht länger ein Aufreiben ist, sondern eine reale Möglichkeit, von der alle als Gewinner hervorgehen: Eltern, Kinder, Arbeitgeber, die Gesellschaft und die Politik.

Ps.: Liebe Frau Schoener, danke für den tollen Artikel. Und künftig werden wir beweisen, dass wir nicht zu platt für den Aufstand sind! #Eltermachenaufstand

Nachtrag vom 29.August 2016

Ich wurde von vielen Elternblogger darauf hingewiesen, dass es in der Tat schon einen Haufen Texte zu diesem Thema gibt. Und natürlich stimmt das auch. Ich werde die genannannten Blogs hier direkt verlinken und wollte auf gar keinen Fall klein reden, was schon alles passiert. Dafür möchte ich mich auf jeden Fall entschuldigen. Danke an alle, die mich darauf hingewiesen haben!

Blogs, die regelmäßig politische Themen behandeln:

mama-arbeitet

networkingmom,

meworkingmom

mama-notes

glücklichscheitern

Memyselfandchild

umstandslos.com

Fuckermothers

Terrorpüppi

Großekoepfe

3plus2

Larilara

Papapelz

dasNuf

AndreaHarmonika

Mama Mia

Melanie vom Blog Glücklichscheitern hat mich darauf hingewiesen, dass hat Alu von großeköpfe u.a. auf der #denkst davon berichtet hat, dass manche Berliner Politiker ein offenes Ohr haben und mit Family unplugged wurde dafür auch eine eigene Seite in Zusammenarbeit mit der Politik gebaut.

Und hier die Aktion #Muttertagswunsch, initiiert von Christine Finke und Annette Loers: Offener Brief an Frau Schwesig

 

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Letzte Woche habe ich fremdgebloggt, und das möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten. Ich lese schon eine Weile das Blog Terrorpüppi von Jessi. Sie hat eine Tochter und schreibt darüber, wie es ist, im eigenen Leben nicht mehr selbst im Mittelpunkt zu stehen. Ihre Terrorpüppi scheint ein ganz außerordentlich süßes Kind zu sein und die beiden leben mit dem Papa im schönen Berlin. Was ich an ihrem Blog besonders mag: Jessis Schreibe. Sie ist selbstbewusst, lustig und klug – eine echte Powerfrau eben.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Da es auf ihrem Blog auch um Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, hat sie andere Blogger aufgerufen, etwas zum Thema „Vereinbarkeit und Selbstständigkeit“ zu schreiben. Das ist genau mein Thema, denn ich habe mich nach der Geburt meiner Tochter als Texterin selbstständig gemacht und balanciere seitdem auf diesem Drahtseil. Es ist spannend, fordernd, manchmal ermüdend, aber für mich genau die richtige Kombination zur Familie.

Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen meines Beitrags bei Terrorpüppi und empfehle sehr, sich mal auf Jessis Blog umzuschauen.

Liebe Grüße von Laura

© Bildrechte liegen bei Terrorpüppi
© Bildrechte liegen bei Terrorpüppi