Lieber kleiner Oskar,

so einfach haben wir es gerade nicht, wir beide! Daher schreibe ich dir einen Brief. Ich bin eine müde Mama mit viel Stress, du bist ein zweijähriger Junge, der die Welt entdeckt. Was wir gemeinsam haben: wir kommen täglich an unsere Grenzen. Meine Grenzen sind seit jeher meine Nerven, deine Grenze ist vor allem die Sprache. In deiner lustigen Bobo-Siebenschläfer-Manier versuchst du uns mitzuteilen, was du möchtest. Wenn du dein Müllauto suchst, können wir dir helfen.  „Müüüh“ rufst du dann. Auch „Hamham“ verstehe ich gut, du hast Hunger oder Durst. Und dein kleines Rutschauto heiß „Tutut“, wenn du das aussprichst, vibrieren deine Lippen und es klingt wie ein kleiner Traktor. Aber ganz oft weiß ich auch nicht, was du möchtest. Du bist dann wütend, versuchst, mir etwas zu sagen. Ich verstehe dich nicht und dann schmeißt du dich auf den Boden. Ich kann dich nicht trösten, du drückst mich weg oder fängst in deiner Empörung an zu beißen. Ich weiß, jetzt am besten einfach neben dir sitzen bleiben und dir zeigen, dass es in Ordnung ist, zu toben und deinem Kummer Luft zu machen. Aber oft muss ich Jimmy bei den Hausaufgaben helfen, die Wäsche aus der Maschine holen oder das Telefon bimmelt in genau diesem Moment.

Alles eine Phase

Ich weiß, dass diese Phase normal ist. Damals bei deinem großen Bruder habe ich mir noch Sorgen gemacht. Was ist nur mit dem Kind los? Wieso flippt es dauernd aus und nölt den ganzen Tag rum? Was mache ich als Mama falsch? Nun ist mir alles klar. Beim Welt entdecken stößt du dauernd an Grenzen, nicht nur sprachlich. Du möchtest Gummibären in rauen Mengen essen, Bobo Siebenschläfer-Hörspiele hören, bis deinen Eltern die Ohren bluten. Du möchtest morgens früh um sechs mit deinen Geschwistern spielen oder abends bis zehn Uhr aufbleiben. Du möchtest alles alleine machen und die Glasflasche selber tragen. Und du verstehst einfach nicht, warum wir dauernd all die schönen Dinge verbieten. Ich weiß, am besten ist es, wir nehmen uns für dich Zeit. Wir hören dir zu, knien uns zu dir runter, nehmen dich ernst und helfen dir, wo es nur geht. Dann klappt es mit uns immer ganz gut. Dein Papa kann das auch ganz wunderbar, mir gelingt es manchmal nicht. Ich bin nicht so geduldig mit dir oder habe keine Lust, deine Schreiattacken stundenlang zu begleiten. Das muss ich ganz ehrlich zugeben.

Zu wenig Geduld

Gestern bin ich mit dir zum Bäcker gegangen, wir brauchten dringend ein Brot zum Abendessen. Weil du gerne ein Eis gegessen hättest, hast du fürchterlich geweint und bist aus deinem Wagen rausgesprungen. Ich musste nach Hause, weil Jimmy bald kommen sollte. Er war bei einem Freund zu Besuch. Dein Wutgeschrei ist mir sehr auf die Nerven gegangen, weil ich zuvor auf einem Kindergeburtstag war, bei dem alle kleinen Gäste in Trillerpfeifen gepustet haben. Mein Kopf war ein einziges wummerndes Fass. Deshalb habe ich dich immer wieder in den Wagen zurück gesetzt und dich am Ende angeschnallt. Das hat dir nicht gefallen, ich weiß!

Zuhause hast du dich an die Treppe zur Garage gesetzt und nach Papa gebrüllt, ich habe Essen gemacht und hätte mir gerne die Ohren zugehalten. Ich wundere mich ja auch gar nicht, dass du so ein Papa-Kind bist. Ich an deiner Stelle würde es genauso machen. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich ernst nehme und mir so gerne mehr Zeit nehmen würde für dich und eine Wünsche. Weißt du was, bald fahren deine Geschwister in den Urlaub und wir beide sind alleine hier. Wir lesen dann Bobo so oft du willst, gehen gemeinsam in den Märchengarten und werden ganz viele Gummibärchen essen. Vielleicht bekommst du sogar mein Handy, denn damit fotografierst du so gerne. Mein liebes kleines Bärchen, wir haben es nicht so leicht zur Zeit. Aber ich habe dich so unglaublich gerne. Ich liebe es, wie du die Familie zusammen hältst und immer nach Nanna und Tatta fragst, wenn sie mal nicht da sind, wie du lauhals lachen kannst und mit so großem Appetit und Konzentration isst und genießt.

Bitte entschuldige, wenn ich mal wieder ungeduldig bin, kleiner Bär. Es tut mir sehr leid. Deine Mama

Mehr Gedanken zum Elternsein gibts auf dem Heute ist Musik-Instagram-Kanal. Ich freue mich auf dich und den Austausch mit dir!

15 Comments

  1. Was für ein liebevoller Text und eine ganz wunderbare Art sich dabei selbst zu reflektieren. Ich glaube durch Briefe an die eigenen Kinder können wir uns nochmal überlegen warum wir manchmal reagieren wie wir reagieren und auch wenn wir dabei manchmal ungerecht sind, so gibt es aber häufig Hintergründe und es sind NICHT NUR „schlechte/impulsive Verhaltensweisen“. Danke für deine ehrlichen Worte und das du jeden Tag auf Neue den Mut hast so ehrlich zu uns zu sein und dabei allen hilfst sich verstanden zu fühlen!
    Alles Liebe für euch!

  2. Liebe Laura,
    du sprichst mir aus der Seele! Danke für deine Gedanken und die Gewissheit, dass anderswo die gleichen Kämpfe gekämpft werden. Ich durchlebe mit meinem zweijährigen Sohn genau das Gleiche und stoße täglich an meine Grenzen. Ich verstehe ihn so gut; er will groß sein, wie die Große und ist oft aber noch so sehr Baby, wie die Kleine. Es muss verwirrend sein. Zwar laufen bei mir jetzt die Tränchen, aber es tut gut zu wissen, dass man mit seinen Gefühlen nicht allein ist. Ein Hoch auf das, was wir Eltern tagein, tagaus mit unseren Schützlingen leisten!
    Liebe Grüße
    Saskia

    • Liebe Saskia, deine Worte rühren mich auch sehr. Ich drücke die Daumen für euch. Tut gut, wenn wir das mal teilen, oder? Ich denke, es geht uns allen sehr ähnlich… Liebe Grüße, Laura

  3. Absolut ehrlich,liebevoll und auf den Punkt!
    Danke Laura!!!
    Gern mehr davon!!
    Liebste Grüße Natalie

  4. Vielen dank!! Der Text könnte von mir sein. Wobei unser „großer“ im September 2 wird und die kleine Schwester gerade 8 Wochen alt ist.
    Es tut mir auch immer so leid wenn ich ihn nicht verstehe und es für ihn doch so eindeutig ist was er mir sagt.

    • Liebe Carolin, ich verstehe dich gut. Diese Zeit ist immer ein bisschen schwer, für Kind und Mama. Aber sie birgt auch viele Chancen. Liebe Grüße von Laura

  5. So ein ehrlicher Text, der beim Lesen richtig weh tun kann, aber auch befreiend ist.
    Das Thema an die Grenzen kommen und allem/allen gerecht werden begleitet mich gerade auch sehr als f sich gebackene dreifach Mama.
    Ich werde glaube ich auch anfangen zu schreiben. Vielleicht hilft es ja.
    Danke Laura!
    Liebe Grüße Tabea

    • Liebe Tabea, ich freue mich sehr, dass dir der Text gefällt. Oh ja, mir hilft das Schreiben total, auch um all das zu reflektieren. Wenn du ein Blog eröffnest, schick mir gerne den Link. Bin ganz neugierig. Vielleicht schreibst du aber nur für dich, dann wünsche ich dir ganz viel Spaß! Liebe Grüße, Laura

  6. Sehr rührend, Laura!
    Sehr liebevoll!
    Sehr zärtlich!
    Sehr mitfühlend!
    Mir geht es ebenso!
    Liebe Grüße
    Melisande

  7. Hallo Laura,
    beim Lesen lagen mir doch wirklich Tränen in den Augen ;), ich kann genau mitfühlen was Dich zu dem Brief bewegt hat. Die Idee einen Brief zu schreiben finde ich großartig!
    Du schaffst es mit deinen Texten immer wieder bei mir genau „ins schwarze zu treffen“, danke, dass du diesen Blog schreibst!
    Als Mama von drei Kindern (meine sind 1, 3 und 5 Jahre) ist es einfach nicht so leicht immer allen die nötige Aufmerksamkeit zu geben und sich dabei nicht selbst zu vergessen, aber wir geben unser Bestes 🙂
    Nochmals danke und mach weiter so,
    Gruß Laura

    • Liebe Laura, wir haben ja mehr gemein als nur den Vornamen. Wie schön, dass du hier schreibst. Und ich freue mich, dass dir der Text und der Blog gefällt. Drück dich, Laura

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