Der bester Schachspieler von Oberschwaben

Jimmy kommt ein wenig nach mir: auf meine Frage, ob er denn in diesem Jahr gerne mal einen Fußball- oder Handballverein besuchen möchte, antwortete er: „Ich möchte Billiard spielen, oder Schach!“ Auch ich mochte es früher nicht besonders, mich zu bewegen. Vor allem Rennen war mir verhasst. Was mich allerdings von meinem Sohn unterscheidet: ich kann kein Schach spielen. Und damit wären wir beim heutigen Thema. Bei uns dreht sich zur Zeit alles um den schönsten Sport der Welt. Die Hauptakteure sind König, Dame, Pferd und Jimmy.

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Angefangen hat alles vor einem halben Jahr bei Opa in Oberschwaben. Anton und Jimmy hatten nachmittags Langeweile und holten das große Schachbrett heraus. Jimmy war sofort begeistert und sog die Regeln dieses Spiels auf wie ein Schwamm. Überhaupt interessieren ihn Regeln weitaus mehr als Sport, bei dem man schwitzt. Er schaut liebend gerne die „Fußball-Show“ (Sportschau) und ist fasziniert von dem, was Fußballer alles dürfen und was ihnen nicht erlaubt ist. Von roten und gelben Karten kann er nicht genug bekommen. Selbst mal kicken kommt ihm aber niemals in den Sinn. Dafür hat er zwei linke Füße.

Nun also ging es bei Jimmy und seinem Papa stundenlang darum, wie denn der Läufer springt und das Pferd rennt, oder andersrum. Ich habe mich für Schach nie interessiert und auch jetzt schreckt mich dieses kompliziert anmutende Spiel ab. Ich bin kein strategischer Spieler und Züge weit im Voraus zu planen liegt mir nicht, das weiß ich genau. Ich mache alles aus dem Bauch heraus, und das ist bei diesem Spiel nicht zielführend. Das hat auch Jimmy schnell erkannt, als er den Opa herausforderte. Opa Fritz, ein passionierter Spieler seit Kindesbeinen, rühmt sich selbst als besten Spieler Oberschwabens. Und auch wenn er ein lieber Opa ist, hat er keine Scheu, seinen vierjährigen Enkel mit stolz geschwellter Brust in drei Zügen schachmatt zu setzen. Das war für Jimmy erstmal das Aus. Und ein paar Wochen lang hat er weder über seine derbe Niederlage gesprochen, noch ein Brett samt Figuren angerührt. Aber sein Weihnachtswunsch stand schon fest: im Jacko-O-Katalog hatte er sich für ein leuchtendes Schachbrett erwärmt und das sollte dann auch prompt auf seinen Wunschzettel. Bei dem leuchtenden Brett handelt es sich um einen Schachcomputer, der sich in all seiner Pracht zu Jimmys großer Freude unter dem Weihnachtsbaum wiederfand und sofort ausprobiert wurde. Die Feiertage über waren Anton und Jimmy nicht ansprechbar. Lediglich das Gepiepse des Computers erklang und gab dem Weihnachtsoratorium aus dem CD-Spieler im wahrsten Sinne des Wortes eine ganz neue Note.

Anton, nicht von ungefähr der Vater von Jimmy, ist ähnlich fanatisch wie sein Söhnchen und wenn er sich für etwas begeistert, dann richtig. So kaufte er am 27. Dezember als erstes ein Schachbuch mit Aufgaben. Diese zu lösen stand zwischen den Jahren an und beschäftigte die männliche Fraktion der Familie über Stunden. Auch wir Damen kümmerten uns um ein neues Pferd, allerdings um eines mit vier Beinen und auf dem man richtig reiten konnte. Aber das nur so nebenbei.

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In diesen Tagen fiel mir Eines ein: In unserem Dörfchen findet jeden Sommer ein großes Schachturnier statt. Einen Sonntag lang wimmelt der Spielplatz, an den die Festhalle und damit der Ort des Turniers angrenzt, von seltsamen Gestalten. Männer mit fettigen, langen Haaren und starrem Blick kommen alle paar Minuten und nach jedem getanen Spielzug aus der Halle und nehmen einen Zug an der Zigarrette. Dabei gehen sie hektisch auf und ab und murmeln wirres Zeug, bis sie die Fluppe austreten und erneut in die Halle eilen. In meinen Träumen sehe ich Jimmy im jugendlichen Alter mit öligem Zopf auf unserem Spielplatz, die Augenlieder zuckend, hektisch nach der Kippe greifend, wie er krampfhaft sein Hirn nach der richtigen Taktik für das Turnier zermartert. Schweiß gebadet wache ich auf.

Nun gut, ich nehme meine Kinder, so wie sie sind, und wenn Jimmy eben kein muskulöser Sportsmann und gefeierter Handballstar werden möchte, so liebe ich ihn genaus so als schachspielenden Nerd, der Selbstgespräche führt. Jedenfalls wundere ich mich nicht darüber, dass ich fortan abends keine Geschichten mehr lesen soll, sondern statt dessen mit ihm die Figuren auf Position bringe und die Zeit stoppe. Das Abendritual lautet bei uns nämlich nun: sieben Minuten Schach, dann ab ins Bett. Jimmy spielt dabei gegen sich selbst und zieht die Figuren mit einer Schnelligkeit hin und her, dass mir schwarz-weiß vor Augen wird. Dabei murmelt er unerlässlich vor sich hin und spricht von seltsamen Begriffen wie „sizilianische Eröffnung“ und Rochade, was aus seinem Mund wie „Rossade“ klingt. Ich verstehe nichts mehr und weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn die eigenen Kinder klüger werden als man es selbst ist.

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Übrigens, Jimmy hat Opa Fritz vor kurzem besiegt. Seitdem zweifelt Opa an sich selbst und versteht die Welt nicht mehr. Ich brachte gerade Luise ins Bett, als ich Jimmy feixen hörte: „Opa, ich habe schon fünf von deinen Figuren geschnappt, du hast noch keine von mir!“

Später erklärte mir Anton, dass Opa nicht weiß, dass es sich bei Jimmys Leuchtbrett um einen Schachcomputer handelt. Opa spielte nach seinem Glauben also gegen einen Vierjährigen, der ihn mal eben so in die Tasche steckte. Dass der Computer, eingestellt auf Profi-Level, Jimmy immer anzeigte, welchen Schritt er zu gehen hatte, merkte Opa nicht – und war nach 10 Zügen matt. Ob wir es Opa verraten, wissen wir noch nicht. Von jetzt an darf sich Jimmy bester Schachspieler Oberschwabens nennen. Opa rührt seitdem kein Brett mehr an.

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Pia Laura Froehlich

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