Zeitung lesen – mit Kindern unmöglich!

Ich liebe Samstage. Und noch mehr liebe ich Samstage, die mit Ausschlafen und einem Frühstück beginnen. Zu diesem Frühstück gehören frische Brötchen, ein schaumiger Milchkaffee und die neueste Ausgabe unserer Wochenzeitung. Das ist für mich Glück im Quadrat. Leider verzichte ich auf dieses quadratische und wundervolle Glück seit geraumer Zeit, um nicht zu sagen, seit nunmehr fünf Jahren. Ok, der Milchkaffee und die Marmeladenbrötchen sind hin und wieder drin. Aber alles andere ist schier unmöglich, und dass ich in nahe gelegener Zeit die Chance bekomme, mich meiner Lieblingszeitung ausgiebig zu widmen und 90 Minuten lang genüsslich in Politik, Feuilleton und Leserbriefen zu versinken, ist nahezu unmöglich. Warum, fragt ihr? So schwer kann es ja wohl nicht sein, ein bisschen Zeitung zu lesen? Müssen die Kinder sich einfach mal selbst beschäftigen!

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Diese Vorstellung ist, gelinde gesagt, naiv. Um euch das zu demonstrieren, habe ich hier ein Theaterstück nieder geschrieben, das in Inhalt, Form und Ton unseren Samstagen sehr nahe kommt, wenn nicht sogar mit unserem Wochenend-Morgen identisch ist.

Mutter sitzt im Schlafanzug und mit einem großen Becher voll Kaffee am Tisch, hat soeben Stoffpuppe, Fußball-Spielplan, Schnuller und Schachbrett zur Seite geräumt und breitet nun die Zeitung vor sich aus. Der Mann gegenüber schaut heimlich in sein Handy, das Baby sitzt in der Babyschale, großes Kind beisst in sein Honigbrot, kleines Kind rührt lustlos in seinem Kinder-Cappuccino. Die Mutter beginnt zu lesen:

„Am vergangenen Freitagmorgen um Viertel nach neun passiert Angela Merkel, was sie am meisten hasst: Sie wird überr…“

Mamaaaa, wann spielt Deutschland?

Heute Abend, um 21 Uhr.

Darf ich das Spiel anschauen?

Ja, ausnahmsweise. Aber jetzt lass mich ein bisschen lesen, ok?

Sie beginnt noch einmal von vorne

„Am vergangenen Freitagmorgen um Viertel nach neun passiert Angela Merkel, was sie …

Mamaaa, was ist, wenn Deutschland verliert?

Dann sind wir raus aus dem Turnier. Bitte Jimmy, lass mich doch jetzt ein bisschen lesen!

„Am vergangenen Freitagmorgen um Viertel nach neun..“

Du Mamaaa, gestern hat Hanna gesagt, dass Linda und Karo nicht meine Freundinnen sind. Das finde ich doof.

Luise, natürlich sind Linda und Karo deine Freundinnen. Dann musst du sagen: Hanna, das ist Quatsch, was du da sagst!

Aber neulich hat Hanna mich gehauen.

Das ist aber nicht nett von Hanna. Dann sag einfach, sie soll das lassen, sonst holst du deinen Bruder.

Nein, ich habe nämlich auch Angst vor Hanna. Sie hat mich beim Turnen geschubst.

Aber Jimmy, du musst doch deiner Schwester helfen. Und jetzt lese ich weiter, ok?

„Am vergangenen Freitagm…“

Rabäääh, Rabääh

Ach nein, jetzt weint Oskar. Anton, kannst du ihn bitte nehmen?

Nein, ich muss mal wohin.

Mutter verzieht das Gesicht, holt Oskar aus dem Stühlchen, nimmt ihn auf den Arm und setzt sich wieder hin.

„Sie wird überrascht. In ihrem Büro im Kanzler…“

Mamaaaa, ich möchte, dass Deutschland heute Abend gewinnt.

Ja, das wünschen sich außer dir noch 80 Millionen andere. Und ich wünsche mir, dass ihr mich jetzt eine viertel Stunde in Ruhe lasst. Ich möchte diesen Artikel wenigstens zu Ende lesen.

Mutter widmet sich der Zeitung, da fällt der Becher des kleinen Kindes um, die Milch verteilt sich über den Tisch.

Ach Mensch, Luise, kannst du nicht aufpassen?

Luise weint.

Uuuuuuuuh, mein Schlafanzug ist nass.

Zieh ihn aus und hol dir was anderes zum Anziehen.

Mama soll helfen, Uuuuuuuh….

Oh man, das ist ja nicht zu glauben! Dann komm, ich helfe dir.

Mutter legt Baby ab, das fängt an zu meckern.

Mamaaaa, wieso darf Götze nicht mitspielen?

Was meinst du, welcher Götze?

Der Fußballspieler. Warum darf der nicht mitspielen?

Das weiß doch ich nicht. Frag Papa.

Wo ist Papa denn?

Großes Kind sucht Papa, kleines Kind zieht sich frische Sachen an. Mutter geht zurück an den Tisch. Trinkt einen Schluck Kaffee, schaut erneut in die Zeitung.

Wo war ich stehen geblieben? Da war doch was mit einer Überraschung…ach ja, hier:

„In ihrem Büro im Kanzleramt sieht sie den Fernsehauftritt von…“

Hanna ist doof!

Hanna ist dooooooof!

Hanna ist sowas von doooooooof!

Luise, Hanna ist nicht doof.

Doofe Hanna!

„In ihrem Büro im Kanzleramt sieht sie den Fernsehauftritt von Hanna…“

Häää, was schreiben die denn da? Ach so, nicht Hanna, Cameron steht da. Bin schon ganz verwirrt!

„…den Fernsehauftritt des britischen Premier….“

Papa antwortet nicht. Wieso darf Götze nicht spielen? Spielt wenigstens Khedira? Und was ist, wenn Deutschland gewinnt?

Mutter wird langsam laut:

Jetzt lasst mich doch für 15 Minuten in Ruhe! Ich will einmal, nur ein einziges Mal in der Woche gemütlich in die Zeitung schauen.

Baby hat sich erschreckt, weint, zappelt.

Mama, ich will nicht mehr in den Kindergarten gehen, wenn Hanna da ist.

Mutter übergibt wutschnaubend das brüllende Baby an den Vater, der soeben zurück an den Tisch kommt, und geht mit Zeitung und Kaffee ins Schlafzimmer. Holt sich Ohrenstöpsel aus der Schublade, steckt sie ins Ohr und faltet die Zeitung auseinander und liest:

„Am vergangenen Samstag morgen um Viertel nach sieben passiert Mutter, was sie am meisten hasst….“

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Laura

One Comment

  1. Ging mir auch so. Deshalb stehe ich i.d.R. um 5:30 auf, da schläft noch alles, mache eine Tasse Tee und habe 30 Minuten Zeit nur für mich und die Zeitung, bevor der ganze Trubel losgeht. Das ist am Anfang zwar heftig, aber in der Zwischenzeit habe ich mich daran gewöhnt und wache automatisch um diese Zeit auf. Und der Sommer wäre eine gute Zeit zu starten – dann kann man mit Tee und Zeitung auch den Sonnenaufgang genießen 🙂

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