Ein Weihnachtsmärchen

Es war einmal eine Mutter, die hatte zwei Kinder. Das eine war noch sehr klein, aber das andere konnte schon sprechen und seinen Willen äußern, und es hatte einen sehr starken Willen. Die Mutter liebte beide Kinder über alles, aber sie hatte auch viel Arbeit, wie es Mütter mit ihren Kindern eben so haben.
Nun stand Weihnachten vor der Tür, und die Mutter freute sich sehr auf die schöne Zeit, die sie an ihre eigene Kindheit erinnerte. Sie bereitete wochenlang alles vor, bastelte und gestaltete und kaufte ein, sodass ihr kleiner Junge riesig Freude daran haben konnte. Nun war es aber mit ihrem kleinen Jungen so, dass dieser nie das machte, was die Mutter sich wünschte. Er hatte keine Lust zu essen, wenn sie es wollte, er wollte nicht das Buch lesen, das sie gerne gelesen hätte, und er wollte nicht das spielen, was sie vorschlug.

So kam es auch in der Adventszeit. Der Junge hatte am Morgen des ersten Dezembers keine Lust, ein Säckchen am Adventskalender zu öffnen, sondern wollte viel lieber mit seiner Eisenbahn spielen. Er fand die Idee, die Krippe jeden Tag mit einer Figur zu bestücken, nicht gut, und wollte viel lieber seine Legotiere hinein stellen. Auch die abendliche Geschichte aus dem Kinderkalender mit Figuren zum Aufkleben wollte er nicht hören. Viel lieber ließ er sich „Conni geht zum Zahnarzt“ vorlesen, auch wenn seine Mutter dies nicht sehr besinnlich fand. Die Mutter hatte sich all das so schön vorgestellt und war ein wenig enttäuscht, aber jeden Abend musste sie ihrem Mannn kichernd von den Ideen des Kleinen erzählen.
An einem Tag aber, als der Junge mal wieder seinen eigenen Kopf hatte, und anstelle der Gemüsenudeln nur das Lebkuchenhaus essen wollte, gingen der Mutter die Nerven durch und sie rief: „Ach hätte ich doch nur einen Jungen, der macht, was ich möchte!“
Da erschien ein kleiner Weihnachtswichtel mit langem Bart und einem glitzernden Zauberstab. Der sagte: „Wenn du dir dies so sehr wünschst, dann soll es in Erfüllung gehen“. Er schwang seinen Glitzerstab drei Mal durch die Luft und verschwand. Die Mutter dachte, es wäre ein Traum gewesen. Doch da saß der kleine Junge und aß schweigend sein Gemüse. Anschließend bat er die Mutter, Maria und Josef in die Krippe stellen zu dürfen. Außerdem möge sie ihn in die Kirche begleiten, um eine Kerze anzuzünden und „Kling Glöckchen“ mit ihm zu singen. Erst wunderte die Mutter sich nur, aber als der Knabe abends voller Freude sein Adventssäckchen öffnete, den Eltern für die Schokolade dankte und diese aufbewahren wollte, weil die Zähne schon geputzt waren, wurde der Mutter bewusst, dass der Weihnachtswichtel keine Einbildung gewesen sein konnte. Von nun an tat das Söhnchen, was die Mutter sich wünschte und war so artig, dass alle anderen Mütter anerkennend durch die Zähne pfiffen, wenn sie mit ihm zu Besuch kam. Die Kindergärtnerinnen berichteteten begeistert von der Lieblichkeit, die der Junge an den Tag brachte. Er verzichtete auf seine Windel, bedankte sich emsig und knickste, wenn ältere Menschen seinen Weg kreuzten.

Nur die Mutter wurde immer unglücklicher. Abends wusste sie ihrem Mann nichts Lustiges mehr zu erzählen und schon bald drückte die häusliche Ruhe auf ihr Gemüt. Ihre Rundbriefe an die Familie, in denen sie bis zuletzt noch von den Streichen des Kleinen erzählt hatte, waren nun langweilig und inhaltlos. Und so flehte sie eines Abends, der Weihnachtswichtel möge zurück kommen und ihren Sohn wieder so sein lassen, wie er eigentlich gewesen war.
Zum Glück nimmt das Märchen ein gutes Ende, und der Wichtel ließ seinen Zauberstab erneut kreisen. Der kleine Junge war wieder derselbe wie früher und machte lauter lustige Sachen, die sie Mutter zur Weißglut trieben. Aber am Ende des Tages stand sie an seinem Bett und sah in das schlafende Gesicht, und war so froh, dass der kleine Mann wieder so war, wie er eben war. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Pia Laura Froehlich

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