Essen ist fertig!

Ich habe einen Traum. Einen Traum von einem hübsch gedeckten Tisch mit selbst gekochtem Essen. Neben dem Tisch stehen hungrige Kinder, die sich freuen und in Ruhe Platz nehmen. Zuvor haben sie gemeinsam gedeckt. Alle bitten um einen vollen Teller, es gibt sogar einen kurzen Streit darüber, wessen Teller voller ist. Dann hauen sie richtig rein. Während dem Essen unterhalten sich Mutter und Kinder über dies und das. Alle nehmen mindestens einen Nachschlag und loben die Köchin ohne Unterlass. Nach dem Essen räumt Jeder seinen Teller auf und im Nu ist die Küche wieder blitzeblank.

Bumms! Traum zerplatzt, alles nur heiße Luft. Die Realität sieht ganz anders aus! Kein Kind möchte decken, und kein Kind möchte essen.
Und so läuft es ab: Schnell packe ich alles, was wir für das Abendessen brauchen, auf den Tisch. Dann setze ich die Kleine in ihren Stuhl. Sie steht ständig auf und droht, aus dem Sitz zu purzeln. Das hastig umgebundene Lätzchen reisst sie sich ab. Im Stehen schmiere ich die erste Leberwurststulle und zerteile sie in kleine Stückchen. Dabei rufe ich in Dauerschleife Jimmy herbei. Der tut so, als hört er mich nicht. Luise stopft sich zwei Stücke Brot in den Mund, steht wieder auf. Ich schimpfe, setze sie wieder hin. Vor Wut fegt sie den Teller vom Tisch und schmeißt die Sigg-Flasche hinterher. Der Boden hat einen dicken Kratzer und alle kleinen Stücke kleben mit der Leberwurstseite nach unten auf dem Parkett.

Ich putze den Boden, denn sonst habe ich Leberwurst unter meinen Socken. Ich schreie nach Jimmy: „Komm jetzt, es gibt Essen!“
„Neiiiiiiiiiiiin, ich will nicht essen!“, ruft es zurück. Ich renne ins Kinderzimmer und trage ihn kurzerhand zu seinem Stuhl, von dem er während des ganzen Abendessens ungefähr viermal runterrutscht. Lusise steht in ihrem Sitz und hat mein Messer in den Hand, das sie freudestrahlend durch die Luft schwingt. Ich lege ihr ein paar Stücke Gurke hin, für Jimmy schmiere ich ein Brot mit Butter und Lyonerwurst. „Ich will den roten Teller, nicht den grünen!“, heult er, und schiebt alles weit von sich. Der Becher kippt um, der Tisch ist voller Wasser. „Die Hose ist nass!“, schreit es mir von links ins Ohr, „Babababababa“, schreit Luise von rechts, und steht mittlerweile auf dem Tisch. Sie hat immer noch nichts gegessen, dafür liegen die Gurkenscheiben auf dem Boden.

Jetzt mache ich mir erst mal was zu essen. Soll ich mir dazu direkt ein Glas Wein einschenken, oder gleich den Ramazotti aufmachen, frage ich mich noch. Aber dafür bleibt mir sowieso keine Zeit, denn jetzt ist Luise vom Stuhl gefallen und brüllt. Jimmy schreit „Nachtisch!“. Die Haustür geht auf, mein Mann kommt rein. „Was ist denn hier los?“ fragt er. „Wir essen!“, brülle ich über den Lärm hinweg.

Ich muss sagen, dass ich seit genau drei Jahren eigentlich nie mehr in Ruhe gegessen habe. Ich habe mich während des Abendessens weder länger als 60 Sekunden mit meinem Mann unterhalten, noch Messer und Gabel gleichzeitig benutzt. Ich bin nie weniger als 17 mal aufgestanden, um diverse Putzlappen zu holen und habe auch selten mehr als ein halbes Brot gegessen. Jede Mutter, die von gut essenden Kindern und riesen verputzten Portionen berichtet, wird von mir mit neiderfülltem Blick bedacht. But I habe a dream, I still have a dream….

Eure Pia
Ps.: Habe eine tolle Kochbuchempfehlung für euch, falls auch ihr zu den armen Müttern gehört, deren Kinder schlecht essen: Hier findet ihr super Rezepte, interessante Fakten rund um gesunde Ernährung und überhaupt kein erhobener Zeigefinger, der Ketchup und Co verbietet. Ich liebe es, auch wenn ich die gekochten Menüs allein esse.

Pia Laura Froehlich

One Comment

  1. oh Pia, ich habe schallend gelacht und hatte Tränen in den Augen. Du schreibst mir aus der Seele. Und so wie du es beschreibst, so herrlich ironisch, fühlt es sich gar nicht mehr so schrecklich an und ich denke: Hallo, ich bin nicht allein da draußen an der Mütterfront. Und wenn du denkst oder träumst es wird besser: face the facts, it only changes 🙂 Sobald Luise sprechen kann wird sie dir sagen, dass sie auch den grünen Teller will und es ihr egal ist, dass ihr nur einen habt. Sie wird Blubberblasen in ihrem Becher machen, weil ihr großer Bruder das auch schon so toll kann. ist er satt, ist sie es auch um nach 30 Minuten oder wenn du gerade den Tisch abgeräumt hast unglaublich ausgehungert dir am Bein klammern und um Nahrung schreien. Bitte beschreibe weiter so lustige Begegnungen und Situationen aus deinem Alltagsleben, es ist wirklich sehr unterhaltsam zu lesen und Mütter in ähnlichen Situationen nehmen regen Anteil und haben nicht mehr ganz so viel Mitleid mit sich selbst.

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