Was wir von Helikopter Eltern alles lernen

Eltern gibt es ja in ganz verschiedenen Ausführungen. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass alle Mamas uns Papas das Thema Erziehung so angehen sollten, wie sie es für richtig halten. Da darf und sollte keiner reinreden! Schon eine angehobene Augenbraue beim Thema Säuglingsernährung mit der Flasche oder ein Monolog zum Thema „Kinder brauchen Nähe“, wenn eine Mama das Familienbett nicht als einzig wahre Form des Schlafzimmers anerkennt, ist meiner Meinung nach zu viel des Guten. Ob Helikopter Eltern oder Karriere-Paar, sie alle werden schon wissen, was sie tun, stimmts?

Der Helikopter Papa

„Jedem Tierchen sein Plaisierchen“ oder wie im folgenden Fall, „jedem Papa sein Helikopter“, so sollte die Devise lauten. Dass es mir jedoch dieses Mal schwer gefallen ist, meinem Motto entsprechend die Klappe zu halten, davon möchte ich euch heute berichten. Denn beim Kinder-Sskikurs im verschneiten Allgäu musste ich mir manchmal auf die Zunge beissen, um nicht den Jesper Juul mit erhobenem Zeigefinger raushängen zu lassen. Statt dessen habe ich es geschafft, mich zurückzulehnen und das Schauspiel zu genießen, dass sich mir Tag für Tag bot. Ich habe am Ende noch eine Menge von diesem überbehütenden Vater gelernt, und dafür bin ich ihm richtig dankbar. Hier folgt nun ein kleines Theaterstück in drei Akten, dass ich aus meinem Gedächtnis wiedergebe:

Es ist zehn Uhr, die Kinder samt Eltern versammeln sich zum Kinder-Skikurs. Die Anfänger sind zwischen 3 und 5 Jahre alt und mehr oder weniger motiviert, diesen Wintersport zu lernen. Motiviert sind die Eltern, die mit Getränken, Taschentüchern, Sonnencreme und Picknickkorb ausgestattet ihre Plätze eingenommen haben. Die Skilehrer bahnen sich einen Weg durch all die aufgeregten Mamas und Papas, die die ersten Ski-Versuche von Junior kaum erwarten können. Besonders aufgeregt ist Papa Xaver aus München. Mit Teleskopstange samt Videokamera in der Hand versucht er gerade, klein Riley zum Mitmachen zu animieren. Riley, vermutlich vier Jahre alt, äußerst schlecht gelaunt und pausbäckig, will nicht skifahren. Er heult und brüllt, schreit nach Mama und wirft sich auf den Boden. Papa Xaver hebt ihn auf und packt erst einmal seinen XXL-Proviant-Rucksack aus.

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„Ja Riley, des wird sicher ganz subba. Skifoahn macht Spaß und du bist sicher oinsame spitze. Da, jetzt nimmst erst amoil a Gummibärli.“ Sagts, und stopft Riley Süßigkeiten in den Mund. Die anderen Kinder schauen neidisch. Dann geht es aber auch schon mit dem Skikurs los und alle Kinder dürfen mit einem Skilehrer an der Hand ganz langsam den Babyhügel runter fahren. Riley wirft sich wieder auf den Boden, Papa Xaver versperrt den anderen Kindern den Weg, weil er sich beim Sohn-Bezirzen auf der Startbahn breit macht.

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Nach einer halben Stunde hat er Riley überredet, gemeinsam mit ihm den Berg hinunter zu fahren. Mit den fremden Skilehrern mag Riley nämlich nicht mit. Xaver ist verständnisvoll, kutschiert den heulenden Kerl in seinen Moonboots persönlich den Hügel hinunter und stellt sich mit ihm auf den Zauberteppich, der die Kinder den Berg wieder hinauf bringen soll. Skilehrerin Nici, jung und lieb, versucht ihr Glück und fragt Riley, ob er nicht doch mit ihr fahren möchte. Vermutlich hätte sie gerne auch den engagierten Aushilfs-Skilehrer aus der Bahn geholt, der alle anderen stört, aber nicht mit Xaver! Der motiviert seinen Nachwuchs mit einer weiteren Tüte Gummibärchen zum Durchhalten. Dann gibt es erst einmal ein Wurstbrot, bis eine andere Skilehrerin ihn endlich darauf hinweist, dass er das Vesper bitte nicht ganz so präsent vor den anderen Kindern auspackt. Denn sonst wollten gleich alle essen. „Ja sauber, Riley, spitze machst du des“, lobt Xaver jede kleinste Regung des kugeligen Knabens, und verteilt weitere Süßigkeiten.

50 Minuten später wagt sich Riley alleine auf den Zauberteppich und kräht auf der Hälfte der Strecke: „Papaaaa, Papapaaaa, Papaaaa, Guuumibääääärliii“, und Xaver steht oben und wartet, das Hinweisschild, dass Eltern sich bitte vom Lift fern halten sollen, missachtend. „Riley, du bist a subba Foahrer!“ ruft er, und macht das 1.000 Foto. Als Riley tatsächlich einen ersten Versuch wagt, alleine einen Schwung zu fahren, plumpst er mit vollem Gummibärli-Bauch sofort auf den Boden. Aber Papa ist zur Stelle, hilft ihm auf und lobt und feiert sein Bübchen wie einen Olympiasieger. Ruft Riley, er habe Durst, rennt Xaver nach der Apfelsaftpulle, schimpft Riley, weil es keine grünen Gummibärlis mehr gibt, kriegt Xaver das Nervenflattern. Ist Riley warm, holt Papa eine Zweitmontur aus dem sieben Liter-Rucksack und gönnt seinem Sohnemann nach drei Minuten Anstrengung eine 10 minütige Pause.

Nach eineinhalb Stunden kommt das Ski-Maskottchen in Form einer riesigen Plüsch-Ziege und singt mit der Mannschaft ein Kinder-Ski-Lied. Riley lässt alles mit stoischer Miene über sich ergehen. Xaver filmt jede (nicht vorhandene) Regung, feuert ihn an, doch mitzutanzen und flippt beinahe aus, als der talentierte Knabe auf Kommando der Bergziege umfällt. Ja, das kann er gut, der Riley! Inzwischen ist auch die Mama angerauscht. In Münchner Exquisit-Skiklamotte hält sie ihre Spiegelreflex auf das Kind und knipst mehrere Speicherkarten voll. „Des beste host verbasst“, sagt Xaver, und zeigt ihr einen Film von Riley, wie er (aus Versehen) rückwärts den Berg hinunter rollt fährt und zufällig erst am Bergende auf den Popo plumpst. „Des wird a eins-A Ski-Freestyla“, sagt Papa stolz, und auch Mama strahlt. „Guuumiiibääääärliii“, schreit es vom Lift, und Xaver eilt mit der Tüte los.

„Des braucht er holt, als Motivation“, erklärt er einem anderen Vater, der das Schauspiel skeptisch beobachtet, und dann nur mit den Schultern zuckt. Er selbst hat vier Kinder zu versorgen, da fehlt das Verständnis für das Theater um ein einziges Kind.

Mein Helikopter Eltern-Resumee

Nach einer Woche, in der ich jeden Vormittag diesem kleinen, bayerischen Kammerspiel beiwohnen durfte, wusste ich ganz genau, dass ich mit meinen Erziehungsmethoden auf dem für uns richtigen Weg war. Xaver hatte mir bestens vor Augen geführt, wie ich es NICHT machen wollte. Als er am Freitag nach Wettrennen und Siegerehrung in seinen Papa-Helicopter stieg und mit seinem Anhang Richtung München abdüste, war ich froh, dieser Familie begegnet zu sein.Helikopter Eltern

Übrigens: auch Jimmy hatte seine fünf Minuten, in denen er keine Lust mehr aufs Skifahren hatte. Und auch er ist ein paar Mal umgefallen. Zum Glück aber kam ich mit meinem riesen Bauch nur so langsam vom Sitzsack hoch, dass er sich von ganz alleine berappelte. Hinterher war er stolz, dass er die Mama gar nicht gebraucht hat. Und nächstes Jahr macht er das sowieso alles alleine. Also, liebe Eltern: lasst die Kinder mal machen und euren Helikopter in der Garage stehen. Oder wisst ihr was? Macht es einfach so, wie ihr es für richtig haltet! Laura

Laura

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