Luise, die eiskalte Puppenmutter

Lach- und Krachgeschichten

Draußen ist es wieder frostig kalt, und die Kinder tragen dicke Mützen und Schals, die ich eigentlich schon wegräumen wollte. Schon wenn ich Jimmys nackten Hals oder Luises kargen Haarschopf sehe, die dem eisigen Wind ausgeliefert sind, bekomme ich Gänsehaut. Das mütterliche Bedürfnis, Alle warm einzupacken, das uns selbst als Kindern so verhasst war, ist nun auch in mein Bewusstsein vorgedrungen. Es ist wie ein Zwang, und ich könnte mir vorstellen, dass dieser  auch in psychatrischen Lexika unter dem Stichwort „Krankhafte Veränderungen nach Schwangerschaft“ aufgeführt wird. Jeder Mutter wird das zwanghafte Bekleiden nach der Geburt mit samt des Babys in die Wiege gelegt und führt unweigerlich zu dick eingepackten Winzlingen, die auch in der Wohnung gestrickte Mützen tragen müssen. 

Auch später geht es für Söhne und Töchter von September bis Ende Mai nicht ohne Strumpfhose raus, und wenn es nach Mama ginge, sogar bis zum vollendeten 18. Lebensjahr. Seit ich selbst Kinder habe, schüttele ich den Kopf über Teenies, die derzeit schon Socken unter den Sneackers tragen und ihre nackten Knöchel zeigen. Diesen Wahnsinnigen möchte ich dann gerne ein paar Wollstrümpfe in die Hand drücken, oder ihnen einen wärmenden Hüftgurt um den nackten Bauch binden. Ganz schön abartig!

Für meine eigenen Kinder, denen ich zum Glück das Tragen von Mützen und Schals noch befehlen kann, habe ich immer Fleecejacke und Regenschutz dabei, falls uns ein Wolken- oder plötzlicher Kälteeinbruch überrascht. Das kann durchaus auch mal im Sommer passieren. Nasse Hosen lösen bei mir den sofortigen Drang aus, nach Hause zu gehen und das Kind umzuziehen, ob auf dem Spielplatz oder beim Spaziergang durch den Wald. Dabei kann ich mich selbst erinnern, meine eigene Mutter am liebsten im Kerker des Riesen Goliaths versenken zu wollen, weil ich im Alter von 7 Jahren im Märchengarten mit einem Bein im Froschkönig-Brunnen stand und wir darauf hin den Park auf der Stelle verließen. Wie so oft beschert man den eigenen Kindern die gleichen Attitüden, die man selbst an den Eltern so nervig fand.

So habe ich Baby für den Besuch im Zoo angezogen

Zurück zum Thema: Aus diesem Grund kämpfe ich derzeit täglich mit Luises mangelndem Verständnis für die Sinnhaftigkeit wärmender Kleidung. Dabei geht es nicht um sie, sondern um ihr eigenes Baby. Im richtigen Sinne also mein Enkelkind. Besagtes Baby wird, obgleich die Temperaturen gegen Null gehen, vollkommen nackig durch den Zoo getragen. Zwar habe ich eine Puppenmütze im Rucksack, die wird von Luise allerdings vehement abgelehnt. Ihr Baby soll glatzköpfig bleiben. Passanten bleiben neben ihr stehen und fragen sie, ob es ihrem Püppchen nicht kalt sei. Luise schaut dann fragend zurück, als hätten die Sorgenvollen nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Kalt wars dann bei den Pinguinen!

Schon im Kindergarten ist mir aufgefallen, dass in jeder Ecke Nackedeis rumliegen, obwohl ein ganzer Korb mit Kleidung in der Puppenecke steht. Aber wenn eine der Erzieherinnen gemeinsam mit den Kindern ein Spielbaby ankleidet, wird das im nächsten Moment wieder entblößt. Auch meine Bemühungen zuhause werden boykottiert, und Windel, Höschen und Jacke fliegen zurück in die Kiste. Mit dem Anblick eines nackigen Babys, das mit unnatürlich gewinkelten Gliedmaßen irgendwo in der Wohnung rumfliegt, haben wir uns schon gewöhnt, jagt mir aber nachts auf dem Weg zur Toilette doch noch einen gehörigen Schrecken ein.

Überhaupt hat „Baby“ ein hartes Leben. Nicht genug, dass sich sein Plastikkörper schon sämtliche Lungenentzündungen eingefangen haben muss. Wenn wir Luise bewundern, wie lieb sie mit ihm umgeht, und sie sich dessen bewusst wird, folgt sekundenschnell ein von ihr initiierter harter Schlag auf sein Köpfchen oder es fliegt im Steilflug gegen die Wand. Zur Zeit hat das Kind mit dem Allerweltsnamen aber Glück. Luise versorgt es mit Milch aus der Puppenflasche, wiegt es umher und nimmt es überall hin mit. Zum Glück wird es bald Sommer. Dann ist es wenigsten mir nicht mehr so kalt, wenn ich das nackte Ding sehe.

Pia Laura Froehlich

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