Dreh dich nicht um, die Angst geht um…

Lach- und Krachgeschichten

Wir sind aus dem Skiurlaub zurück und haben außer der Erinnerung an Berge, Sonne und Schnee, 15 Kilo Schmutzwäsche und Muskelkater in allen Gliedern auch noch ein paar Monster im Gepäck. Um genau zu sein handelt es sich um Angstmonster, die die unangenehme Angewohnheit haben, Kleinkinder urplötzlich zu befallen und den Alltag und die Nächte für alle Familienmitglieder äußerst schwierig zu machen.

Meinem zahnlosen Baby kann ich getrost einen Gummi-Dinosaurier mit fletschenden Zähnen vors Gesicht halten, und dieses lächelt noch verzückt. Genau ein Jahr später verzieht sich das kleine Gesicht desselben Kindes zu einer angsterfüllten Miene, fängt an zu weinen und ich verbanne den T-Rex für unbestimmte Zeit in den Keller. Je älter, desto Angst, diese Lebensweisheit werde ich als greise Oma meinen Urenkeln mit auf den Weg geben. Das bezieht sich nicht nur auf mich persönlich und die zunehmende und altersbedingte Unfähigkeit, Achterbahnen zu fahren oder Gruselfilme anzusehen. Auch Jimmy und Luise können davon ein Lied singen. Allerdings nimmt die Furcht vor den Tücken des Alltags im Hause HeuteistMusik die kuriosesten Formen an. Andere Eltern beneiden mich vielleicht darum, aber mein Sohn will nicht mehr fernsehen. Es begann damit, dass ich bei Janoschs Traumstunde immer vorspulen musste, wenn der dicke Waldbär zu sehen war. Mittlerweile graust es Jimmy auch vor Doktor Brausefrosch, dem Esel mit der roten Hose, dem Elefanten und Tante Ente. Bei dem Sandmännchen ist es nicht anders: Seeräuber, Frösche, Pittiplatsch, Jan und Henry werden zähneklappernd boykottiert, lediglich die Geschichten von Calli oder Rondo Rondo schauen wir noch an. Wenn das Sandmännchen dann den Sand verstreut, flüchtet Jimmy in sein Zimmer aus Angst, ihm gerate etwas in die Augen.

Auch Märchen lesen wir äußerst beschränkt. Eigentlich lesen wir generell nur zwei Geschichten: Die Bremer Stadtmusikanten und Frau Holle. Alle anderen enthalten gar zu grausige Darsteller, und hier muss ich Jimmy gelegentlich Recht geben.

Ob hier wohl die Hexe wohnt?

Das arme Kind muss sich aber auch im Auto gruseln. Auf unserer Kinderkassette gibt es genau sieben Lieder, die er auf keinen Fall hören möchte und das auch mit lautem Schreckensschrei kundtut, wenn nur die ersten Takte anklingen. Bei den Songs geht es um eine Piratenkönigin, ein Treffen der Riesen und eine Frosch-Jodlerei. Erst neulich musste ich in einem Geschäft etwas abgeben, und ließ dazu die Kinder angeschnallt im verschlossenen Auto sitzen. Die CD ließ ich laufen, und als ich zurück kam, saß ein tränenüberströmter Jimmy brüllend in seinen Sitz, musster er sich doch das gruselige Riesenlied in voller Länge anhören und konnte nichts dagegen tun.

Luise, die gerne das Gleiche wie ihr Bruder macht, ist mit ihren knapp zwei Jahren jetzt auch infiziert. Jedenfalls lautet ihr am häufigsten gesagtes Wörtchen „Ankt!“. Und „Ankt“ hat sie nun auch vor dem Sandmann, vor Spatzen und Giraffenbabys, vor fremden Männdern mit und ohne Bart, lauten Fahrzeugen und Bohrmaschinen. Neu dazu gekommen, und da sind wir beim Thema Urlaub, ist eine ausgewiesene Phobie vor Kühen und Gondeln. Wie unter Eltern von Kleinkindern üblich, ist es für uns selbstverständlich, dass jede Urlaubsferienwohnung mit Bauernhof einschließlich Kuhstall, Traktor und Kleinvieh ausgestattet sein muss. Eigentlich können wir uns das künftig sparen, denn Mama HeuteistMusik ist die Einzige, die sich in Matschhose und mit einer Tüte voll Trockenbrot zum gemeinsamen Eintreiben des Rindviehs und anschließendem Melken desselben pünktlich um 18 Uhr im Stall einfindet. Alle anderen Familienmitglieder stehen bibbernd vor Angst auf dem Hof und fragen sich, wer zum Teufel auf die Idee kam, dass wir wieder Ferien auf dem Bauernhof machen müssen.

Müssen wir wirklich in den Stall?

Luise jedenfalls klammerte sich panisch in Papas Arme und fing an zu weinen, als wir uns mit ihr den muhenden Kühen näherten. Im halbstündlichen Takt verfinsterte sich von da an ihr Gesicht und sie sagte mit ernster Miene: „Kuh laut, Ankt!“ Und das den gesamten Urlaub lang.

Nachdem wir Großen tagsüber die Liftkarten zum Glühen gebracht hatten, wollten wir den Kindern eine Freude machen, und sie um kurz vor vier einmal mit in die Gondel zu nehmen. Aber nicht mit Luise. Niemals fährt die kleine Dame mit diesem waghalsigen Gefährt den steilen Abhang hinauf! Mit vor „Ankt“ erfüllten Augen wehrte sie sich gegen die törichte Idee ihrer waghalsigen Eltern.

NIEMALS!

Gut erinnere ich mich an Fasching. Wir wollten zur Kinderparty und ich holte die Beiden vom Kindergarten ab. Sie selbst mögen Verkleiden gar nicht, aber um ihnen den Spaß an der Maskierung vorzuführen, pinseltre ich mir einen Schnurrbart ins Gesicht und setzte mir Katzenohren auf. Das Ende vom Lied war der betroffen Ausruf Jimmy: „Mama, nicht schminken!“, ein anderes Kind rief „Oh nein, ein Wolf!“ und Lusie, die gar nicht mit mir mit wollte, fasste die Hand der Erzieherin und ließ sie nicht mehr los.

Die spinnt, diese Mutter!

Wer jetzt denkt, ich nehme die Gefühle meiner Kinder nicht ernst, der täuscht sich gewaltig. Ich setze mich seit dem Ende meiner Jugend weder in ein Kettenkarussel, noch hinten auf ein Motorrad rauf. Ich fliege nie wieder mit einem Flugzeug, habe beim Besuch von Aussichtstürmen Höhenangst und halte Gleitschirmflieger für Selbstmörder. Ich lese keine Stephen King-Romane mehr und würde nie auf die Idee kommen, mir einen Horrorfilm im Kino anzuschauen. Mit 16 Jahren habe ich genau diese Dinge am allersliebsten gemacht. Ich verstehe meine scheuen Mäuse sehr gut, nur sind die Angstmonster im Alltag manchmal ziemlich lästig: wie gerne setze ich mich mal gemütlich mit einer Tasse Kaffee in die Küche, während die Kinder ne Runde Janosch gucken. Wie gerne würde ich mal ein anderes Märchen lesen, zum Beispiel Schneeweißchen und Rosenrot. Da kommt nicht mal ein Wolf drin vor. Und wie gerne würde ich mich im Auto mal auf den Verkehr konzentrieren, ohne dauernd auf dem CD-Player rumdrücken zu müssen.

Nun wünsche ich allen Familien, die zur Zeit von den Angst-Monstern heim gesucht werden, ganz viel Mut. Ich freue mich auf Kommentare. Vor was haben eure Kinder „Ankt“? Eure Pia Laura

Pia Laura Froehlich

2 Comments

  1. Die armen Mäuse! Enno wohl auch vor Höhen, ganz schlimm vor POPEL, wobei das wohl mehr Ekel ist, aber der hört sich genauso an wie Angst (schmerzverzerrtes Gesicht plus lautes MAMA, POPEL! TASCHENTUCH!) große Autos, die sich bewegen, Gemüse, ganz klar, Frisör bzw. Schere, wobei er gerade letzte Woche mal wieder über seinen Schatten gesprungen ist. Emi, ist noch in der Phase der kompletten Unerschrockenheit! Aber man darf gespannt sein.

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