Nach dem Brei: Sauerei

Baby Oskar is(s)t breifrei

Diese vielen Fortschritte, die die Kinder im ersten Lebensjahr machen, sind so schön und wundervoll und werden von mir meist schwer herbei gesehnt. Ich freue mich jedes Mal wie ein Schnitzel, wenn Oskar wieder was Neues kann. Auch der erste Zahn, das erste Wort („Hasa“) oder das Zeigen mit dem Finger wird gefeiert wie blöd. Und wenn dieser Fortschritt dann auch noch Erleichterung bringt, wie zum Beispiel das Drehen oder Sitzen, wird zur Feier des Tages nicht weniger als ein Gugelhupf gebacken gekauft und mit einer Tasse Stilltee angestoßen.

Aber jede Mutter weiß: diese scheinbare Erleichterung weicht schnell dem Schreck über die neuen Anforderungen. Das Baby kann sich endlich drehen, juchuu! Upps, jetzt kann ich es nicht mehr auf dem Sofa liegen lassen. Das Baby robbt sich endlich vorwärts, juchuu! Upps, jetzt muss ich alles wegräumen, vom Putzmittel bis zur Pflanze. Das Kleinkind kann endlich laufen, juchuu! Upps, jetzt will es überall hin, wo ich nicht hin will. Schnell kommen wir da an diesen Punkt, an dem wir uns zurücksehnen: war das nicht schön, als das drei Wochen alte Baby ewig schlafend und sich nicht fortbewegend im Wägelchen lag, ab und an mal Hunger bekam, hin und wieder noch eine neue Windel verabreicht wurde und sonst viel Zeit blieb für all das andere. Nun sind wir laufend damit beschäftigt, Gefahren im Voraus zu erkennen, alles wegzuräumen, was auf dem Boden steht und müssen unser gesamtes Zeitmanagement über den Haufen schmeißen, da der Weg zum Bäcker mit einem Neuläufer das fünffache der normalen Zeit in Anspruch nimmt.

Der Breikleister ist überall

Wir sind gerade in folgender Phase: Das Baby isst endlich mit, juchuu! Upps, ist das jeden Abend eine riesen Sauerei. Klar freuen wir uns über den strahlenden Oskar, der endlich richtig am Essen teilnimmt, und nicht nur am Rande mit einem Haferbrei abgefüttert wird. Er juchzt und lacht und steckt sich voller Übermut das Brezelärmchen weit in den Schlund. Er röchelt, uns bleibt das Herz stehen: aber er meistert den Verzehr seinem Alter entsprechend, und massiert anschließend mit seinen Händchen Teigmatsche in den Tisch. Nun beginnt das Zeitalter der Schmiererei. Ich kenne es von den beiden Großen und weiß, was auf mich zukommt. Brezeln werden vom Kleindkind mit Speichel durchweicht und an den Kinderwagengurt geschmiert. Außerdem auf den Sitz, den Schnuller, den Wintersack, in die Augen, in die Stirn, in die Haare. Wenig später, wenn das Kind dann auch im Auto aufrecht sitzt, schmiert es Zwieback in den Römer und kleistert eine Breischicht an den Vordersitz, so dick, dass sich jeder Zementiermeister ein Beispiel nehmen könnte. In allen erdenklichen Ritzen des Wagens finden wir bei der jährlich einmal stattfindenden Autowäsche 23 harte Brezelarme, zweieinhalb Kilo Dinkelkekskrümel und den Inhalt von rund acht Zwieback-Packungen so feinkörnig zerbröselt wie der Sylter Sand auf Sansibar.

Sehnsucht nach der Brei-Zeit

Outdoor-Outfit, Wagen und Auto sehen von nun an immerzu dreckig aus und die Schichten an Teigklebemasse wird dicker und dicker. Aber am schlimmsten ist es zuhause. Wenn wir nicht täglich mit dem Kärcher-Dampfstrahler über den Kinderstuhl gehen, ist er bald nicht mehr zu erkennen. Dauernd packe ich in undefinierbare, weiche Matsche: unter dem Tisch, auf dem Tisch, am Tischbein, auf dem Boden –  es ist überall. Zum Gebrezel von draußen gesellt sich im Essbereich Butter, Leberwurst und Marmelade hinzu. Ich denke sehnsüchtig an die Breizeit. Hier hatte ich, nach jahrelanger Übung, eine geschickte Technik entwickelt,  mit der ich den Brei nahezu unfallfrei in Oskars Mündchen bekam. Nur ab und zu wischte er einmal über den Löffel und sich anschließend durchs Haar. Nun aber war ich nicht mehr Herrin des Geschehens. Da das Kind leider nicht für alle Zeit Dinkelpampe mit Apfelmus von einem Plastiklöffel schlotzt (schwäbisch für schlecken), sondern lernen möchte, selbst Bissen zum Mund zu führen, ist dieser Weg unumgänglich. Mir klingt noch mein eigener Freudenschrei im Ohr, den ich tat, als Oskar endlich mit einem Stück Brezel auf unserem Spaziergang zufrieden gestellt werden konnte. Nun möchte ich Abend für Abend den Kopf auf die Tischplatte fallen lassen angesichts der Sauerei, die der Knirps veranstaltet. Einzig eine Stirn, beschmiert mit Leberwurst, hält mich davon ab.

Also feiere ich vordergründig Oskars weiteren Schritt in die Welt und wische anschließend innerlich fluchend Matsche von allen Möbeln, fege zum siebten Mal an diesem Tag die Krümel auf und schmeiße eine weitere Ladung Lappen und Lätzchen in die Waschmaschine. Dann widme ich mich Jimmy, der mich bittet, ihm endlich seine Paprika in Stücke zu schneiden. Wann kann er das endlich selber, murmel ich vor mich hin. Da ertönt Luises Stimme fröhlich aus der Küche: „Mama, ich habe meine Gurke zerteilt“. Ich eile und entreiße dem stolzen Kind unser Fleischermesser.

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Laura

4 Comments

  1. Oh du schreibst mir einfach aus der Seele! Bei uns läuft es genausoooooooo ab. Meine Tochter ist jetzt 10 Monate alt und von den 2 größeren her kann ich es bestätigen, dass man manchmal schon etwas wehmütig an die „einfachere“ Zeit denkt. 😉

  2. Herrlich. Einfach herrlich.
    Ich fühle mit dir. Hart getrockneter knäckeschleim überall…und trotzdem, die Freude über jede neu erlernte Kleinigkeit ist riesig.
    Ich wünsche Euch weiterhin viel Vergnügen dabei. 🙂

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