Brüderlein und Schwesterlein

Lach- und Krachgeschichten

Ich habe mir früher immer einen großen Bruder gewünscht. Einen, der mir beim Turmbauen hilft, mit mir spielt, mir beibringt, wie man durch die Zähne pfeifen und Flugzeuge falten kann und mich auch mal vor bösen Jungs beschützt. Daher habe ich mich sehr gefreut, dass Luise eine kleine Schwester wurde und stellte mir Jimmy vor, wie er ihr künftig das Fläschchen bringen, ihr seine Spielsachen zeigen und ihr bei angriffslustigen Spielplatzgefährten zur Seite stehen würde. Hand in Hand gingen die Beiden durchs Leben, der eine könne sich auf den anderen verlassen und sie hätten einander ganz furchtbar lieb (gefühlsduselige Musik im Hintergrund, Sonnenuntergangstimmung).

Filmschnitt, zurück auf Null, welcome to real life! Als Jimmy Luise das erste Mal sah, ignorierte er sie völlig. Klar, er war damals fast zwei und es gab viele interessantere Dinge im Leben als ein klitzekleines Baby, das nichts konnte außer trinken, schlafen und brüllen. Auch in den nächsten Monaten sollte sich daran nichts ändern. Manchmal war ich mir nicht ganz sicher, ob er den Familienzuwachs überhaupt mitbekommen hat. Wahrscheinlich wusste er nicht mal Luises Namen.

Seine Aufmerksamkeit erlangte die Schwester urplötzlich, als sie anfing zu krabbeln. Dann bewegte sie sich schnurstracks auf seine Legoeisenbahn zu, um sie mit ihren kleinen Fäustchen zu zertrümmern. Sie fand es toll, Jimmy brodelte vor Wut: Endlich war er in einem Alter angelangt, in dem er Türme, Häuser, Schienen auf- und aneinanderstecken konnte, da kam so ein haar- und zahnloses Wesen und machte alles kaputt! Er weinte vor Wut und schwor sich von diesem Tag an, niemals im Leben nett zu dieser Schwester zu sein.

Luise, die ihren Bruder von Anfang an sehr spannend fand, und schnell bemerkte, dass er ein empfindliches Zimperlieschen war, wurde Weltmeisterin in der Disziplin „Jimmy auf die Palme bringen“. Seitdem ist morgens ihre erste Tat, sobald sie den schlafenden Bruder geweckt hat, diesen feste an den Haaren zu ziehen, seinen heiß geliebten Teddy zu packen und mit dem Stinkebär so schnell es geht das Zimmer zu verlassen. Wenn sich der noch müde Kerl vor Wut brüllend aus dem Bett bequemt und ihr hinterher stürmt, lässt sie das Kuscheltier fallen, kreischt vor Vergnügen und rennt noch schneller.

Überhaupt ist „Wegnehmen“ ihr größtes Hobby, neben Haare ziehen, beißen oder Kopnüsse verteilen. Es gibt für sie nichts Schöneres, als sich (vermeintlich) liebevoll auf den Bruder zu stürzen, ihn erst zu umarmen, um ihn dann sofort an den Haarsträhnen zu packen und kräftig zu ziehen.

Wer jetzt glaub, Jimmy, das arme Opfer, ist ja aus leicht ersichtlichem Grund nicht in der Lage, ein behütender großer Bruder zu sein, der irrt. Denn er lässt sich auch nicht so einfach das Butter vom Brot nehmen. Luise, noch wackelig auf den Beinen, kassierte beim Laufenlernen grundsätzlich einen Tritt, wenn sie am Bruder vorbei tapste. Tausende Male musste sie sich aufrappeln und stolperte wieder über ein gestelltes Bein. Herzallerliebst ist es auch, wenn sie voller Stolz auf dem Badezimmerhocker steht und sich selbst die Zähne putzt, Jimmy mit voller Blase aufs Klo stürzt und vorher Lusie den selben Hocher einfach unter den Füßen wegzieht. Sein neuester Coup: Schimpfwörter verteilen, die Kampfdrohnen in der Bewaffnung eines Dreijährigen: von dummer Gans über altes Schwein bis hin zu Wörtern aus dem Toilettenbereich wirft er Luise alles an den Kopf, was ihm einfällt. Allerdings stösst er hier auf taube Öhrchen, denn Lusie kringelt sich vor Lachen, wenn Jimmy nach neuen Beschimpfungen sucht und diese dann mit Lust und viel Spucke auf sie prasseln lässt.

An manchen Tagen, wenn mir das Gekämpfe und Gerangel der Beiden auf die Nerven geht, kann ich nur mit einem wütenden „Haut euch doch die Köpfe ein!“ den Raum verlassen, mir Stöpsel in die Ohren stecken und auf ein Wunder warten.
Doch ein wenig Hoffnung keimt in mir auf. Neulich haben es die beiden doch tatsächlich geschafft, sich alleine in ihrem Zimmer 10 Minuten aufzuhalten, und ich hörte kein Wort. Als ich den Raum betrat, hatten sie alle Windeln und Feuchttücher verteilt, die wir so haben, und sich über mein Gesicht kaputt gelacht.

Seit einer Woche tut Jimmy etwas, was er vorher noch nie getan hat: er spricht Luise an! Das kam bisher noch nie vor, denn er versprach sich davon noch nie viel mehr als das verständnislose Grinsen einer eineinhalb Jährigen, die nur Tierlaute immitieren kann.

Aber auch da tut sich was. Jimmy, der wandelnde Taschenrechner, spricht so viel über Zahlen, dass inzwischen auch seine kleine Schwester eine kann, nämlich die Drei. Bei ihr klingt es eher nach „Dei“, aber Jeder weiß, was sie meint. Heute morgen fragte der Bruder sie dann, der wievielte November heute sei. „Dei“, sagte Lusie. „Falsch, heute ist der sechste!“ antwortete Jimmy triumphierend, und schob den Magnetkringel seines Blechkalenders auf das korrekte Datum. Aber ich sehe da eine gewisse Kommunikationsebene, die ausbaubar ist. Vielleicht haben sie die erste gemeinsame Basis geschaffen, die doch noch aus den zwei Streithähnen zwei sich liebende Geschister macht. Ich selbst vermisse einen großen Bruder nicht mehr!

Pia Laura Froehlich

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