Ein Kleinkind ins Bett bringen in 35 Schritten

Es gibt ein Elterngesetz, dessen Gültigkeit ich am eigenen Leib erfahren konnte. Ich bin mir sicher, dass es hierfür auch eine mathematische Formel gibt. Aber um es für Alle verständlich zu erklären: jedes zweite Kind schläft schlecht, in Ausnahmefällen auch jedes zweite Kind schläft gut. 

Wir wurden mit Jimmy ganz schön verwöhnt. Ok, die ersten acht Monate hatte er alle zwei Stunden Hunger, tags wie nachts. Aber die Säuglingszeit darf man nicht mitzählen. Nachdem aus einem Jimmy-Säugling ein Jimmy-Kleinkind wurde, schlief er wie ein Murmeltier. Wir brachten ihn in sein Bettchen im Kinderzimmer, sangen ein Lied, zogen die Spieluhr auf und verließen den Raum. Nachts stand ich nur noch auf, um zu schauen, ob Jimmy noch atmete. Ansonsten konnten wir nahezu sieben wunderbare Stunden durchschlafen.

Dann kam Luise, und die Säuglingszeit begann erneut. Nach den bekannten acht Monaten durften wir uns ein paar Wochen über ein zweites Schlafwunder freuen. Das Mädchen zeigte sogar auf ihr Bett, wenn wir sie zum Vorsingen auf dem Arm hatten. „Ich willschlafen und du kannst gehen“, sollte das heißen. Aber Luise wollte uns wohl nur an der Nase herum führen, bevor sie zur nächtlichen Terrorbraut mutierte – und das bis zur heutigen Zeit.

Unser Abend-Ritual

Nicht nur nachts hält sie Anton und mich auf Trab. Schon das Einschlaf-Ritual gestaltet sich seit jeher als schwierig. Muss Luise ins Bett, fallen ihr viele tolle Ideen ein, um dies zu verhindern. Als erstes rennt sie einfach weg. Wir verfolgen sie drei Mal durch die Wohnung, um sie aus- und den Schlafanzug anzuziehen. Sie entwischt uns splitterfasernackt und rennt drei weitere Runden. Meine Nerven werden schwach und ich drohe mit eiskaltem Michel-Entzug. Das zieht, und sie rennt ins Bad. Natürlich will sie selbst die Zähne putzen, und bürstet sich stundenlang die Beisser. Als ich endlich ran darf, muss sie erst einmal dringend aufs Klo. Es folgt ein kleines Geschäft, Händewaschen und erneutes Putzen. „Ich muss Kacka“, ruft sie, und wir unterbrechen wieder. Klogang beendet, Hände gewaschen, die Bürste summt noch einmal von vorne los. Die Uhr tickt, es ist schon halb acht. Heute will ich die Tagesthemen anschauen, nehme ich mir vor – das muss doch immerhin ein Mal pro Woche zu schaffen sein.

Endlich steckt Lusie in ihrem Schlafanzug und holt das Michel-Buch. Wir lesen, dann mache ich das Licht aus. „Singen!“, befiehlt Luise im Offizierston, und holt Liederbuch und Kastagnetten. Wir singen „Anne Kaffeekanne“, „Ritter Klipp von Klapperbach“ und noch ein paar Frederik Vahle-Hits mehr. „Beten!“, heißt der nächste Programmpunkt, und schnell rattere ich mit  ihr einen kleinen Dank Richtung Lieber Gott herunter. Noch fünf Minuten bis zur Tagesschau, ich muss mich sputen! „Gute Nacht, Luise“, sage ich, gebe ihr einen Kuss und gehe raus. „Ich habe noch nichts zu trinken!“, ruft sie mir hinterher, und ich bringe ihr einen Becher Sprudel. „Jetzt ist aber Ruhe“, ermahne ich.

Ich setze mich vor den Fernseher, geschafft! Es ist Punkt 20 Uhr. „Guten Abend, meine Damen und Herren“, sagt Jens Riwa. „Mama, ich habe Bauchschmerzen“, ruft Luise. Den Trick kenne ich. Aber ich weiß auch, dass sie keine Ruhe geben wird. Also erwärme ich ein Kissen voll Dinkelspelz und übergebe es Luise, die vergnügt kichert. „Sprudel ist alle“, sagt sie, während sie sich in ihre Decke kuschelt. Ich seufze, schaue zu Jimmy rüber, der seit 20 Minuten genüsslich vor sich hin schnarcht.

Tagesthemem fallen aus

Ich hole ein zweites Mal Wasser und nehme im Wohnzimmer Platz. Noch bevor das morgige Wetter verlesen wird, begleite ich Luise aufs Klo, die nach dem viele Sprudel natürlich muss. Ich erwärme das erkaltete Kissen und suche nach zwei von insgesamt sieben Kuscheltieren, die Luise zum Einschlafen braucht. Dann erhebe ich meine Stimme und zische wütend ins Kinderzimmer. Das hilft. Um 20:20 Uhr steht Luise in der Tür und sagt, dass sie nicht schlafen kann. Ich schlage ihr vor, mit der Taschenlampe ein Pixie-Buch zu lesen. Nach sieben Minuten beschwert sie sich über das wieder erkaltete Dinkelspelzkissen. „Wenn hier nicht bald Ruhe ist, mache ich die Türe zu“, rufe ich voller Wut. Auch das zieht, und dieses Mal für länger – denn im Dunkeln mag Luise nicht schlafen. Ich habe endlich Ruhe. Dass es aus dem Kinderzimmer scheppert, interessiert mich nicht.

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Bevor ich selbst ins Bett gehe, schaue ich kurz hinein. Luise hat noch ein Festtagsmenü in der Kinderküche gekocht, ein Puzzle gepuzzelt sowie drei Pixie-Bücher gelesen und zerrissen. Jetzt liegt sie inmitten ihrer sieben Tiere und schläft – noch!

Nächtliche Ruhestörung

Denn 350 Tage im Jahr wird sie zwischen 23:30 Uhr und 1:30 Uhr schreiend wach. Meist genau dann, wenn Anton und ich uns gerade im Tiefschlaf befinden. Wir haben schon alles ausprobiert, von der sanften bis zur harten Tour, vom Ferber-Programm bis zum Müller-Training, oder wie sie alle heißen. Letzendlich bekommen wir Eltern immernoch den meisten Schlaf, wenn wir das brüllende Kind zu uns nehmen. Die paar Tritte in die Rippen oder kleine Finger, die an Haaren ziehen, spüren wir gar nicht mehr. Wer jetzt denkt, dass Luise nun sehr lange schläft, der irrt sich. Das Kind braucht nicht viel Schllaf, und erwacht spätestens um 6:3o Uhr in bester Laune: „Mama, ich möchte frühstücken“, brüllt es in mein Ohr. Jimmy hingegen pennt bis halb neun.

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Nun sind wir gespannt, was uns bei Baby drei erwartet. Nach Gaußscher Ruheformel müsste es ein guter Schläfer werden. Wir hoffen das Beste!

Laura

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