Gatekeeping: Warum wir Frauen es uns schwer machen

Das Vereinbarkeits-Problem

Neulich beim Besuch bei meiner Freundin Rike: Die Kinder spielten im Garten, wir genossen unseren Cappuccino und zehn Minuten Ruhe. Endlich hatten wir Zeit für ein Gespräch unter Frauen – unbezahlbar und äußerst selten. Rike erzählte, wie chaotisch der letzte Sonntag ablief, als der Familienvater mit der Bande allein zuhause war. „Als ich wiederkam, sah es schrecklich aus. Der Boden war mit Spielzeug übersät, die Wäschekörbe standen gefüllt im Flur. Mittags hatte Thorsten nur Pommes gemacht und kein Stück Gemüse. Und der Große hatte seine Hausaufgaben nicht erledigt“, erzählte sie. „Kenn ich“, habe ich geantwortet. „Wenn Anton mit den Kindern spielt, entstehen die tollsten Lego-Bauten. Aber die Wäsche bleibt liegen.“ So beklagten wir uns und erfreuten uns weiterhin an der Schilderung, wie gut organisiert und aufgeräumt alles ist, wenn WIR das Zepter in der Hand haben. Kurz bevor sich die Jungs in die Haare kriegten und wir unser Gespräch unterbrechen mussten, rief ich noch laut: „Wenn die Männer für den Urlaub packen müssten, würde die Hälfte fehlen“ und wir lachten ganz, ganz laut.

Lasst die Männer machen

Habt ihr was gemerkt? Und kennt ihr Gespräche wie diese? Ein bisschen verraten sie etwas über uns Frauen. Und sie verraten auch ein bisschen über das Grundproblem, das wir haben. Nein, das sind nicht unorganisierte Männer oder unvollständig gepackte Koffer. Es ist der hohe Anspruch an den perfekten Haushalt, den viele von uns haben, und mit dem wir uns das Leben im Grunde genommen viel zu schwer machen. Denn ganz ehrlich, viele Männer und Familienväter sind äußerst bemüht um ihre Kinder und um das, was der Volksmund unter „dem bisschen Haushalt“ versteht. Es gibt viele Papas, die mit Sohn und Tochter spielen, sich an den Herd stellen, den Einkauf übernehmen und den Staubsauger schwingen. Oft haben diese tollen Typen eine äußerst anspruchsvolle Frau, die in allen Bereichen glänzen möchte, weil sie denkt, dass sie es muss. Und sie hat ihr Revier, dass sie eigentlich nicht abgeben möchte: die Familien-Organisation. Die hat sie im Griff. Und möchte der Mann unterstützend helfen und schickt sie gar zum Ausspannen aus dem Haus, hat sie bei ihrer Rückkehr einiges zu beanstanden. Sie meckert dann, dass die Legoburg zwar gigantisch und die Kuschelhöhle traumhaft ist, aber der liebe Mann doch in der Zeit wenigstens mal die nasse Wäsche hätte verarbeiten können. Sie sieht lieber richtig viel Gemüse auf dem Teller, und nicht die eben in den Ofen geschobenen Fischstäbchen aus der Gefriertruhe. Sie beschwert sich, dass Milch und Joghurt aus dem Supermarkt nicht bio oder demeter sind und kritisiert den Zustand des Flurbodens, den der Liebste beim Saugen vergessen hat.

Viel zu hohe Ansprüche

In der Zeitung von dieser Woche las ich über besagtes Problem, auch „gatekeeping“ genannt. Die Soziologin Karin Jurczyk erklärte im Wirtschaftsteil, warum Eltern so erschöpft sind und wie sie Job und Familienarbeit besser organisieren könnten. Ich verschlinge alle Artikel zu diesem Thema und habe auch schon oft darüber geschrieben. Ich finde viele Schuldige, die es uns Familien schwer machen, ein entspannteres Leben zu führen. Aber bisher habe ich noch nie darüber geschrieben, dass es manchmal auch an uns Müttern selbst liegt. Viele von uns, das höre ich in Gesprächen mit Freundinnen, haben einen sehr hohen Anspruch an Organisation und Haushalt. Leider ist es nun mal aber so, dass wir auch nur 24 Stunden pro Tag zur Verfügung haben. Wir erziehen unsere Kinder, kümmern uns um den Haushalt, kaufen ein, haben einen Halb- oder Ganztagsjob und organisieren Urlaube, Familienfeiern und Geburtstagsgeschenke. Nebenbei müssen wir auch die ein oder andere Stunde in der Nacht schlafen. Daneben sind wir um unser Äußeres bemüht, gehen zum Sport und ernähren die Familie gesund, bio und nachhaltig. Am Ende des Tages sind wir platt wie eine Flunder, mies gelaunt und hundemüde. Die Männer, die uns raten, doch mal fünfe gerade sein zu lassen und sich zu ihnen aufs Sofa zu fläzen, ernten ein bissiges „und wer macht dann die Wäsche?“.

Jurczyk schreibt im Artikel, dass Frauen zwar von ihrem Partner Unterstützung in der Hausarbeit erwarten, aber die Hoheit über Küche und Co nur ungern aus der Hand geben. Wenn sie das dann überhaupt mal tun, sind sie verärgert, dass ihr hoher Standard nicht eingehalten wird. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Da sind die Kinder falsch angezogen und die Küchenplatte nicht sauber genug geschrubbt. Aber ist das eigentlich so schlimm? Und ist die hohe Legoburg nicht eigentlich viel, viel wichtiger als ein Kind mit fleckenloser Kleidung?

In Gelassenheit üben – so gehts:

Eines sollten wir Frauen mit hohen Ansprüchen tun: lockerer werden. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wir können in kleinen Schritten anfangen. Ich schlage folgende Übung für besonders schwierige Fälle wie mich vor:

Schritt 1: Setzt euch mit einem Buch auf die Terrasse, OBWOHL der Abwasch wartet.

Schritt 2: Lasst jeden Tag einen Korb Schmutzwäsche in der Wohnung stehen.

Schritt 3: Lasst den Staubsauger drei Tage am Stück in der Ecke und ignoriert den krümeligen Boden.

Schritt 4: Geht spontan mit den Kindern raus und lasst das gesamte Equipment an Wechselklamotten, Apfelschnitzen und Klopapier zuhause.

Klar, manchmal geht dann was schief, aber Improvisation ist alles, das können wir von den Männern lernen. Wir lernen außerdem, Schmutz auch mal zu übersehen, und trotzdem GLÜCKLICH und ENTSPANNT zu sein. Wir leihen uns im Notfall Kleidung von einer anderen Mutter, kaufen Sprudel für 3 Euro beim Bäcker oder nehmen ein altes Tempo, wenn das Kind mal muss.

Ganz mutige Frauen gehen über zu Schritt 5: Sie lassen vor dem Urlaub die Männer packen. Sonnencreme, drei Kinderunterhosen und einen Schirm gibt es auch im Urlaubsort zu kaufen, das ist kein Beinbruch.

Dieser Appell geht auch an mich selbst: Lasst uns die Hoheit über den Haushalt abnehmen, hören wir auf, die Väter für ihren eigenen, lässigen Weg zu kritisieren und legen wir endlich mal die Beine hoch! Rike und ich jedenfalls haben es uns fest vorgenommen. Wir kämpfen weiter für Vereinbarkeit und akzeptieren, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Was sind schon Wäscheberge und blanke Arbeitsplatten gegen einen tollen Mann, der mit den Kindern riesige Burgen baut? Genau, Nebensache! Und wir spielen nicht länger Wachhund, der in der Küche das Revier verteidigt. Gatekeeping ist out, wenn wir Frauen wirklich an Gleichberechtigung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie glauben.

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Laura

4 Comments

  1. Und wieder ein super Artikel! Ein Thema, über das ich in letzter Zeit sehr viel nachgedacht habe. In den Jahren, die ich mit einem süchtigen Ehemann verbrachte, habe ich die „Haushaltshoheit“ zu meiner Überlebensstrategie gemacht. Ich klammerte mich daran, weil es etwas war, für das ich mich selbst loben konnte, mit dem ich mein durch seinen Psychoterror kaputtes Selbstwertgefühl aufwerten konnte.
    Nun ist diese Zeit vorbei, ich habe mich aus dem Sumpf seiner Sucht lösen können. Aber manche Angewohnheiten sind noch immer geblieben, und der hohe Anspruch an mich selbst ist eine davon.
    Nötig wäre das nun nicht mehr, da ich nun einen echten PARTNER an der Seite habe, jemand, der mir beisteht und hilft. Aber Gott sei Dank auch jemand, der mich mal zur Langsamkeit mahnt und einfordert, mal 5 grade sein zu lassen. Manchmal ist das unglaublich schwer, aber es ist ein Lernprozess, vielleicht sogar ein sehr heilsamer.
    Denn diese Männer sagen uns nämlich was ganz wichtiges: Wir sind gut genug wie wir sind, auch mit Krümel unterm Tisch und vollen Schmutzwäschekörben im Flur!
    Danke an euch Männer und danke Laura für diesen schönen Artikel!
    Liebe Grüsse, Jeanny

    • Liebe Jeanny, über deinen Kommentar habe ich mich sehr gefreut. Tatsächlich ist es ein Lernprozess, fünfe gerade sein zu lassen. Aber ich denke, es lohnt sich, dran zu bleiben. Für alle, und ganz speziell für uns Frauen. Wie schön, dass du einen tollen Mann an deiner Seite hast. Alles Liebe, Laura

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