Mit Kindern richtig kommunizieren

Familienkonferenz von Thomas Gordon

Jimmy und ich leiden derzeit ein wenig unter mangelndem Einverständnis. Das betrifft verschiedene Bereiche des Lebens, vom Essen über sportliche Betätigung bis hin zur Mithilfe im Haushalt. Wir kommen in vielen Fällen auf keinen gemeinsamen Nenner und geraten darüber in handfesten Streit. Ich ziehe die Mama-Machkarte, Jimmy heult und knallt mit den Türen.

Durch Zufall habe ich in meinem Bücherregal ein altes Buch meiner Eltern gefunden: Familienkonferenz von Thomas Gordon. Der Klappentext machte mich neugierig und versprach den richtigen Weg, um mit Kindern zu kommunizieren, und zwar mit liebevollem Verständnis und gegenseitiger Achtung. Da mir beides derzeit fehlt, dachte ich, es kann nicht schlecht sein, mich diesem alten Schinken auseinander zu setzen. Und siehe da, ich habe den Gral der Weisheit gefunden: das Buch überzeugt mich auf ganzer Linie und ist trotz seines hohen Alters von 46 Jahren aktueller denn ja. Hier erzähle ich euch ein bisschen, worum es in der Familienkonferenz geht.

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Die Sprache der Annahme und das aktive Zuhören

Jimmy kommt aus dem Kindergarten und hat sich mit Freund Moritz gestritten. Meine übliche Reaktion ist dann in etwa diese: „Oh, armer Jimmy. Das kann passieren. Sei nicht traurig. Morgen sprichst du mit Moritz, dann ist es sicher wieder gut, oder? Ihr könnt doch so schön zusammen spielen. Und Streit kommt in den besten Freundschaften vor. Kopf hoch, das wird schon wieder…..blablabla“.

Völlig daneben, würde Thomas Gordon sagen, und erwähnt die „typischen Zwölf“, die Eltern laufend anwenden. Es wird Tag ein Tag aus angeordnet, gewarnt, moralisiert, beraten, belehrt, beurteilt, gelobt, beschämt, interpretiert, bemitleidet, verhört und aufgeheitert, was das Zeug hält.

Ist doch ganz normal, das Eltern dies tun, fragt sich der Leser an dieser Stelle. Was soll man denn sonst machen? In Jimmys und meinem Fall habe ich ihn bemitleidet, beraten, moralisiert und am Ende aufgeheitert. Was Gordon aber dazu schreibt, macht mich nachdenklich:

Wenn Eltern etwas zu ihrem Kind sagen, sagen sie häufig etwas über ihr Kind. Darum macht die Mitteilung an ein Kind einen solchen Eindruck auf das Kind als Person und letztlich auf die Beziehung zwischen Ihnen und ihm. (…) Und jede Botschaft sagt dem Kind etwas über das, was Sie von ihm denken.

Er spricht weiter von der Destruktivität, die die „typischen Zwölf“ ausstrahlten. Und erklärt im nächsten Schritt die Art zu sprechen und zuzuhören, die dagegen eher Konstruktives beinhaltet. Auch Therapeuten wenden diese Form an, denn in vielen Therapie-Sitzungen ist das Ziel des Therapeuten, zuzuhören und mit den richtigen Fragen den Gegenüber dazu zu bringen, das Problem selbst zu lösen. Und genau das ist der Weg: Gordon rät, die Aussage des Kindes zu entschlüsseln, zu formulieren und dann wieder das Kind sprechen zu lassen. Kennt ihr das nicht auch von euch selbst? Ihr seid enttäuscht und frustriert und heult euch bei einer lieben Freundin aus, und die sagt einfach nur: „Du bist aber ganz schön traurig über die Sache, oder?“ Sie hat mich verstanden, aber weder be- noch verurteilt. Das tut doch einfach richtig gut, oder?

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Alles was das Kind braucht, ist Verständnis

Gordon sagt, dass wenn das Kind in seinem Leben einen schmerzhaften Augenblick erlebt hat, ist es sein Problem und es hat ein Recht auf seine eigene Reaktion und Empfindung. Wir als Eltern dürfen ihm das nicht absprechen, sondern müssen akzeptieren, wie schlimm es diesen Augenblick empfunden hat.

In Jimmys und meinem Fall ginge aktives Zuhören übrigens so:

Jimmy (zerknirscht): „Mama, Moritz und ich haben uns gestritten.“

Mama: „Oh, und das macht dich jetzt traurig?“

Jimmy: „Ja, und er hat gesagt, dass wir nun keine Freunde mehr sind.“

Mama: „Du hast Angst, dass du deinen Freund verloren hast?“

Jimmy: „Ja, dann bin ich ganz alleine im Kindergarten.“

Mama: „Du fürchtest dich davor, morgen niemand zum Spielen zu haben?“

Jimmy: „Ja, ich bin nicht gerne alleine in der Gruppe. Und die Mädchen lassen mich manchmal nicht mitspielen.“

So in etwa verliefe das Gespräch. Ich als Mutter entschlüssel seine Informationen, formuliere sie und unterlasse Bewertungen und Ratschläge. Das führt dazu, dass Jimmy eine Menge vom Kindergarten erzählt und sich dadurch Luft macht. Ich habe es natürlich sofort ausprobiert, denn Streitereien im Kindergarten gehören bei uns zur Tagesordnung. Und tatsächlich, Jimmy tat es sichtlich gut, dass ich seine Gefühle formuliert habe. Er war erleichtert, dass er einfach traurig oder enttäuscht sein durfte und dass das jemand versteht. Während wir so sprachen, kam er am Ende selbst auf die Lösung: er würde an diesem Tag nicht zum Turnen gehen, weil er Moritz nicht begegnen wollte. Aber er nahm sich vor, am nächsten Tag im Kindergarten mit ihm zu sprechen. Ich hätte, ohne das Buch zu kennen, erwidert, dass er aber zum Turnen gehen müsse und er Moritz nicht einfach ausweichen könne, unterließ aber meine Besserwisserei und wurde mit einem einvernehmlichen Nachmittag belohnt.

Viele Dinge kann ein Kind natürlich nicht so einfach lösen. Aber wir können immer zuhören, da sein und das Kind in seiner Art akzeptieren, ohne ihm mit Ratschlägen oder Tadel etwas aufzudrücken. Denn das führt oft nur zu unguten Gefühlen auf beiden Seiten. Und da kommen wir schon zum nächsten heiklen Punkt. Gordon erläutert, wie Eltern gemeinsam mit den Kindern Konflikte lösen können, und keiner dabei den Kopf verliert:

Konflikte lösen ohne Niederlage

Morgens haben Jimmy und ich hin und wieder große Konflikte. Er hängt am Tischkicker und spielt eine Europameisterschaft durch, was eher etwas länger dauert. Ich mache die Kleinen fertig und möchte dann los, Jimmy ist aber gerade erst beim Viertelfinale Polen gegen Portugal angekommen. Wir müssen uns beeilen, die Kinder haben heute Turnen und müssen pünktlich sein. Ich muss nicht weiter ausführen, dass hier sehr schnell die Türen knallen und geschrien wird – unser alltägliches kleines Theaterstück eben.

Klingt eigentlich einfach: Gordon rät, Kompromisse zu schließen. So machten wir Erwachsene das ja auch mit dem Partner oder im Kollegenkreis. Die Situation wird analysiert und jeder macht Lösungsvorschläge, egal welcher Art. Diese werden anschließend besprochen und auf Tauglichkeit hin geprüft. Am Ende entscheiden sich alle für das bestmögliche. Wenn es erst einmal keine Lösung gibt, wird vertagt.

Angewendet sieht das dann in unserem Fall so aus: Jimmy spielt morgens keine Europameisterschaft mehr, darf aber immer drei Spiele machen und wird von mir entsprechend früh geweckt. Prima, das war gar nicht schwer und wir vertragen uns nun morgens, zumindest was dieses Thema betrifft.

Die elterliche Macht, die wir so häufig anwenden, fühlt sich doch immer so ein bisschen wie Fräulein Rottenmeier an und wenn ich ehrlich bin, spiele ich die fiese Karte immer dann, wenn ich mich hilflos fühle. Dann bekommen die Kinder ein „entweder….oder“ zu hören oder ein „bei mir wird xy gemacht, dass das klar ist…“

Die Methoden von Gordon haben übrigens noch etwas durchaus Positives: die Kinder lernen so, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und Schwierigkeiten selbst zu bewältigen. Bei der Konfliktlösung ohne Niederlage gehen sie nicht als Verlierer heraus, erkennen aber auch an, dass die Eltern Menschen mit Bedürfnisse sind, die es zu achten gilt.

Ich kann diesen Oldtimer unter den Beziehungsratgebern sehr empfehlen, denn ich habe in der letzten Woche versucht, die Ratschläge anzuwenden – und war erfolgreich. Klar, es funktioniert nicht sofort reibungslos, aber ich übe. Wenn wir so weitermachen, sind Jimmy und ich sicher auch für die Pubertät gewappnet. Denn spätestens wenn die Kinder erwachsen werden, werden sie uns unser Alter Ego Frau Rottenmeier um die Ohren hauen.

Thomas Gordon: Familienkonferenz. Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind, Heyne Verlag 2012, 384 Seiten, 9,99 Euro.

Und hier noch ein Link zu Wikipedia: Das Gordon-Modell

Laura

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