Meine Mütterkur neigt sich nun dem Ende zu und ich möchte dir gerne erzählen, warum die drei Wochen für mich unglaublich schön und wichtig waren. Vielleicht kommst du auch auf die Idee, eine Kur zu machen. Vielleicht aber inspiriert dich der eine oder andere Gedanke, um ein wenig Mütterkur in deinen Alltag zu bringen. Nun aber von vorne. Weshalb habe ich das gemacht, wie liefs und was habe ich gelernt?

Meine Auszeit: warum eine Mütterkur?

Jetzt, während ich hier auf meinem Bett in meinem schönen Zimmer sitze, sehe ich es noch deutlicher: der Alltag mit Kindern ist bunt und aufregend und bereichernd, aber in eben diesem Maße anstrengend. Damit meine ich nicht, dass Kinder anstrengend sind, sie sind nunmal einfach Kinder. Anstrengend ist es, mit ihnen gut um- und achtsam auf sie einzugehen, bei den ewigen Streitereien nicht auszuflippen, ihren Alltag gut zu organisieren und all die Wehwehchen zu trösten – jederzeit und ohne große Pausen.

Kein Wunder, dass ein Mensch, der die meiste Zeit für ein, zwei oder mehr Kinder zuständig ist, auf die Dauer nicht mehr kann, wenn er sich nicht die entsprechenden Pausen und Auszeiten gönnt. Ich habe sie mir nicht gegönnt, bin wie ein Duracell-Hase durch den Tag geturnt, hatte schon morgens um sieben ein ordentliches Tempo drauf und kam erst zur Ruhe, wenn ich um elf endlich ins Bett ging. Kein Wunder, dass ich Rückenschmerzen habe und oft das Gefühl verspüre, nicht mehr zu können.

Nun, wenn ich zurückblicke, verstehe ich mein eigenes Schema. Ich will immer alles erledigen und meine Aufgaben abhaken, es allen recht machen, mein Bild von einer guten Mutter erfüllen und nebenher eine unabhängige Erwachsene sein. Ich finde, das ist viel zu viel und dass es so nicht weitergeht. Die Mütterkur, das heißt drei Wochen lang für mich alleine sein mit ganz viel Zeit zum Nachdenken, hat mir ein ganzes Paket neuer Einsichten beschert und ich habe gemerkt, dass ich in der Vergangenheit das Unmögliche leisten wollte.

Mein Spiegelbild erkennen

Ein schönes Bild eines Brunnens liegt mir nun vor Augen: im Alltag ist so viel los, dass die Wasseroberfläche nicht zur Ruhe kommt. Ich erkenne mich selbst nicht mehr, weiß nicht, wer ich wirklich bin und was mir gut tut. Bastele ich Weihnachtsanhänger, weil ich glaube, das tun zu müssen, oder macht mir das wirklich Spaß? Spiele ich Lego mit dem Kleinen, weil ich denke, das tut eine gute Mutter eben, oder würde ich viel lieber mit Oskar lesen oder nur bei ihm sitzen? Reiße ich mir ein Bein für meinen Job aus, weil ich das von einer Selbstständigen erwarte, oder tue ich das doch für mich und mein Textbüro?

Hier, in den drei Wochen, bin ich sehr viel joggen gegangen – für mich der beste Weg um nachzudenken. Ich konnte aber auch prima nachdenken, während ich getöpfert oder Wirbelsäulengymnastik gemacht habe. Ganz wundervoll waren die Einzelgespräche, in denen ich mit professioneller Hilfe ein wenig tiefer in mein Inneres schaute. All das hat dazu geführt, dass die Wasseroberfläche in mir ruhig wurde. Beim Blick in die Tiefe konnte ich mich endlich wieder selber erkennen.

Mit dieser luxuriösen Ruhe, einem Bett nur für mich, morgens, mittags und abends köstliche Mahlzeiten, für deren Zubereitung ich keinen Finger rühren musste, mit Sport, Kreativangeboten und bereichernden Gesprächen mit anderen Frauen kam ich mir selber näher und kann nun viel besser verstehen, was mich so angetrieben hat.

Frauen unter Druck

Ich schreibe dir das auf, weil ich glaube, dass es sehr vielen Frauen heute so geht wie mir. Ob es Druck von außen ist, von Seiten der Familie, den Freunden, den Arbeitskollegen, den Bildern auf Instagram oder auch der Druck, den wir uns selbst auferlegen – diese Last kann krank, traurig und müde machen, wenn wir kein Ventil finden, um den Druck abzulassen. In Gesprächen mit meinen Freundinnen,  mit Leserinnen meines Blogs oder in der Müttersprechstunde auf Instagram erlebe ich das immer wieder. Und ich schreibe hier viel darüber, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ihren Teil dazu beiträgt. Krass ist auch der Punkt, dass wir es uns selbst schwer machen. Ich erlebe Frauen, denen vorgeworfen wird, dass sie mit kleinen Kindern früh wieder arbeiten gehen. Sie seien Rabenmütter und die Kinder brauchten sie doch. Ich erlebe genauso Frauen, die sich rechtfertigen müssen, dass sie eben nicht wieder arbeiten gehen und die der Anspruch belastet, schnell wieder an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren. Auch diese Zerissenheit und die Vorwürfe aus den eigenen Reihen können das Leben schwer machen.

Wo ist das Ventil?

Diesen Druck auszuhalten ist eine hohe Kunst und gelingt erst dann, wenn wir in uns hören oder in den Brunnen schauen, in dem die Wasseroberfläche wieder glatt geworden ist. Was ist mir in meinem Leben wichtig? Wie will ich meine wertvolle und viel zu knappe Zeit sinnvoll nutzen? Wie schaffe ich es, mich für das eine oder andere zu entscheiden, wenn ich nicht all das in meinen Tag stopfen kann, das ich gerne machen möchte? Wenn wir das herausfinden, können wir dem Druck von außen standhalten und den ewigen Kritikern stolz ins Gesicht sagen, dass die Gestaltung unseres Lebes unsere eigene Sache ist, denn wir haben sie gut bedacht und sie geht außer der Familie niemanden etwas an!

Wir sind alle verschieden und haben unsere individuelle Persönlichkeit. Ich habe für mich rausgefunden, dass ich beruflich nicht all das schaffe, was ich gerne möchte. Bald werde ich mehr arbeiten können, aber die nächsten Jahre ist die Zeit am Schreibtisch begrenzt. Das zu akzeptieren fällt mir schwer, denn ich möchte gerne finanziell unabhängig sein. Aber das könnte ich auch erreichen, indem ich mit Anton einen Vertrag abschließe, wie ihn Nicole Beste-Fopma in dem tollen Text bei den StadtlandMamas empfiehlt.

Termine mit mir selbst

Ich habe in der Kur nicht nur gelernt, die Dinge besser anzunehmen, sondern ich habe auch gelernt, dass ich nur glücklich sein kann, wenn ich genug Zeit für mich habe. Joggen gehen, lesen und fotografieren, das brauche ich genauso wie zwei Tassen Kaffee am Morgen oder den Kuss auf die süßen Pustebacken meiner Kinder. Logisch, so intensiv wie hier wird das im Alltag nicht gehen, aber die Termine mit mir selbst sind mir künftig so wichtig wie alle anderen, die in meinem Kalender stehen.

Der Psyche auf der Spur

Eine weitere sehr wertvolle Einsicht ist, dass ich es nicht allen recht machen kann und möchte. Es gibt da ein tolles Buch, das ich hier schon einmal vorgestellt habe. Das Kind in dir muss Heimat finden (Affiliate Link) hat mich auf die richtige Spur geführt. Nach einem Modell der Transaktionsanalyse von Arzt und Psychologe Eric Berne lässt sich unser Ich in ein Kind-Ich, ein Erwachsenen-Ich und ein Eltern-Ich einteilen.

Ich möchte es den Menschen immer recht machen und bin schnell traurig, enttäuscht oder frustriert, wenn ich das nicht schaffe, was logischerweise öfter passiert. Mein Erwachsenen-Ich sagt beispielsweise, wenn ich der Erzieherin erklären muss, dass ich es leider versäumt habe, einen Kuchen fürs Buffet zu backen: ist doch nicht weiter schlimm, es gibt genug Kuchen und du hattest so viel um die Ohren. Alles gut, keine Panik. Mein Eltern-Ich flüstert dann aber: du hattest versprochen, einen Kuchen zu machen. Was man verspricht, muss man auch halten, das habe ich dir immer gesagt. Und mein Kinder-Ich fängt an zu weinen und sagt: ich bin so traurig. Ich wollte es doch allen recht machen und jetzt ist die Erzieherin sicher enttäuscht, weil ich so eine unzuverlässige Person bin.

Dieses Kinder-Ich jammert und heult in mir den ganzen Tag, so bescheuert das auch klingt. Hier in der Kur habe ich verstanden, dasss es dies Stimmen in mir gibt. Mit denen kann ich besser umgehen und viel mehr auf mein Erwachsenen-Ich hören, das nämlich ganz gut ist im Einschätzen einer Sache.

Neue Wege: deine eigene Mütterkur

Ich mache mich also nun auf die Reise zurück in meinen Alltag und habe viele Notizen im Gepäck, wie ich die neuen Einsichten umsetzen kann. Konrete Ideen, weise Sprüche, ein Armband, das mich erinnern soll – all das sind Hilfen die hoffentlich vorbeugen, wieder in die alten Muster zu verfallen.

Ich kann dir so eine Kur sehr ans Herz legen. Vielleicht hast du ja die Möglichkeit, drei Wochen dem Alltag zu entfliehen. Es gibt Beratungsstellen der Elly-Heuss-Knapp-Stiftung, die verschiedene Wohlfahrtsverbände wie die AWO, das Deutsche Rote Kreuz oder den Ev. Fachverband für Frauengesundheit e.V. zusammenfasst und dir kostenlos hilft. Google mal einfach nach deiner Stadt. Dort wird dir beim Ausfüllen der Anträge für deine Krankenversicherung geholfen oder es werden passende Kurhäuser empfohlen. Alternativ kannst du genauso nach einer Mutter-Kind oder Vater-Kind-Kur fragen. Alle Menschen in Erziehungsverantwortung haben Anspruch auf eine Vorsorge- oder Rehamaßnahme, wenn diese medizinisch indiziert ist oder dir dein Arzt oder deine Ärztin die Notwendigkeit attestiert. Übrigens hast du bei einer Mütterkur auch Anspruch auf eine Haushaltshilfe, denn es muss sich ja in deiner Abwesenheit jemand um die Kinder kümmern. Wir haben es so gemacht, dass wir die drei Wochen mit Antons Urlaub und Unterstützung der Großeltern und der Tante gut überbrückt haben. Außerdem hast du auch lange Zeit, alles vorzubereiten und zu planen. Von meinem Antrag bis zur Reise sind ungefähr zehn Monate vergangen.

Deine Kur zuhause

Solltest du dir so eine Kur nicht vorstellen können oder sind deine Kinder einfach noch zu klein, kann ich das auch gut verstehen. Es ist nicht so einfach, sich von zuhause zu lösen und manchmal fällt es auch den Kindern zu schwer. Heimweh ist nicht zu unterschätzen und ich habe viele Rückmeldungen von Frauen bekommen, die sich eine Mütterkur nicht vorstellen können. Eines ist mir aber wichtig: ganz sicher hast auch du viel zu wenig Zeit für dich selbst und nimmst dich viel zu unwichtig. Das Problem ist nicht nur, dass du sehr leidest, sondern dass auch die Familie aus dem Tritt gerät, wenn du nicht mehr kannst. Also nimm deine Pausen ernst und schaufel dir Zeit frei, und wenn es nur eine tägliche Kaffeepause von 10 Minuten sind. Spaziergänge an der frischen Luft, Bewegung in welcher Form auch immer oder kreative Hobbys wie Backen, Basteln, Bauen, Treffen mit Freundinnen oder einfach mal alleine sein… Mach zuhause deine eigene kleine Mütterkur und such dir ein Ventil. Auch so kannst du dafür sorgen, dass die Wasseroberfläche glatt wird und du dich klar und deutlich sehen kannst.

Alles Liebe für dich und bleib fröhlich und vor allem unperfekt!

Deine Laura

8 Comments

  1. Pingback: Mama und das Smartphone - Heute ist Musik

  2. Super, danke!! Das ist wirklich alles Mega inzeressant. Ich würde ja so gern noch mehr erfahren. Toll, dass du das mit uns teilst.

    Das Buch hab ich dich schon einige Zeit auf meiner Leseliste … bin schon gespannt 🙂 habe bereits ein ähnliches dazu gelesen …

    Lieben Gruß und alles Gute für dich ganz persönlich.

  3. Vielen Dank für den schönen Beitrag! Ich wollte mal zusätzlich erwähnen, dass auch eine Psychotherapie möglich ist, wenn man sich erschöpft und ausgebrannt fühlt! Dafür muss man nicht weit weg und bekommt hoffentlich viele Erkenntnisse und Ideen für Veränderung und die Begleitung in den Alltag möglichst noch dazu!

    • Liebe Eva, stimmt, wenn das notwendig ist, kann auch das sehr helfen! Liebe Grüße, Laura

  4. Liebe Laura
    Ich finde deinen Text und deine Auseinandersetzung mit dem Thema unheimlich ehrlich und reflektiert. Leider ist es doch so, dass eine erschöpfte Mutter heutzutage in unserer Gesellschaft noch viel zu oft tabuisiert wird. Dass wir Mamas unseren Job gut machen wollen, gerade zu perfekt und dabei häufig uns selbst vergessen, ist aber leider keine Seltenheit.
    Ich habe nach langem Verdrängen über meinen gesundheitlichen und seelischen Zustand mir eingestanden, dass ich etwas ändern möchte und muss.. leider hat meine KK eine Mu-ki-kur abgelehnt, mit der Begründung, dass Kinder nun mal anstrengend sind, aber man ja in Elternzeit ist, um die Kinder zu erziehen… (soviel zum gesellschaftlichen Bild).
    DANKE für deine Offenheit! Dadurch merken wir Mamas, dass wir nicht alleine sind!

    • Liebe Kathi, da solltest du dich unbedingt einmal beraten lassen. Schau mal, ob es bei dir eine Diakonie oder sowas gibt, habe ich im Text beschrieben. Die sind extra dafür da, um auch zu beraten, wenn die Krankenkassen ablehnen. Die machen das nämlich gerne mal. Nicht abschrecken lassen und versuch es noch einmal! Liebe Grüße, Laura

  5. Liebe Laura,

    Vielen dank für diesen tollen Bericht!
    Ich habe mit dem Buch “das Kind in Dir muss Heimat finden” auch gute Erfahrungen gemacht. War vorgestern sogar auf einer Veranstaltung von Stefanie Stahl und bin schon sehr gespannt auf ihr neues Buch, das am 03. Dezember erscheint und sich mit bindungsorientierter Erziehung (Beziehung) beschäftigt.

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