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Letzte Woche habe ich sehr an mir gezweifelt. Ich bin nicht in der Lage und ich habe auch nicht die Nerven, drei Kinder zu betreuen. Morgens schon beim Aufstehen graute mir vor all dem, was da kommen sollte. Und abends ging ich mit großem Kummer und Rückenschmerzen ins Bett. Immer wieder hämmerte mir eine Frage im Kopf herum: wie machen das denn all die anderen Eltern? Haben sie ein Geheimrezept? Stärkere Nerven? Superkräfte? Oder war ich einfach nicht dazu in der Lage, eine gute Mutter zu sein?

Morgen des Grauens

Bei uns kommt gerade alles zusammen: Oskar hat mit seinen zwei Jahren einen sehr starken Willen. Vom Zähneputzen übers Anziehen, vom Wickeln übers Schuhe aussuchen, alles ist ein einziger Kampf und eigentlich nur mit sehr viel Geduld und Ruhe zu bewältigen. Alles ganz normal, ich weiß; da muss ein kleiner Mann üben, groß zu werden. Dann habe ich da ein Schulkind, das auch völlig normal ist. Es zieht sich ganz normal an, nämlich sehr, sehr langsam. Dabei hat es tausend Dinge im Kopf, nur nicht die Schule. Das Shirt ist falsch rum, die Hose offen. Zähne putzen hat es trotz hundertfacher Aufforderung vergessen. Das Töchterlein reiht sich ein in die Riege völlig normaler kleiner Mädchen. Es möchte keine schwarze Matschhose anziehen und es ist ihr egal, dass wir das teure Ding gebraucht und für einen super Preis bekommen haben. Sie trägt kein Schwarz, da kann ich mich auf den Kopf stellen.

Ich mag nicht mehr

Nachmittags haben alle drei dann auch noch die Suppe einstimmig für eklig erklärt, die ich mit viel Liebe und Kürbis gekocht habe. Aber welches Kind mag schon Kürbis? Alles in allem ein ganz normaler Tag mit Kindern, die sich so verhalten wie es Kinder tun. Und trotzdem war es für mich schlimm. Schlimm deshalb, weil ich mir Mühe gegeben hatte, endlich vernünftige Matschsachen für Luise zu besorgen, die wasserdicht sind. Schlimm, weil ich morgens unter Zeitdruck nicht die Nerven habe, einem Kleinkind zehn Geschichten von Bobo zu erzählen, nur damit es sich die Zähne putzen lässt. Und ich hatte absolut keine Lust mehr, einem Schulkind alles hundert Mal sagen zu müssen.

Ich war fertig mit den Nerven und vor allem so müde – müde vom Mamasein. Die Tür war zu, alle Kinder aus dem Haus und mir war nur noch danach, mich auf den Boden zu setzen und zu heulen. Wieso war ich so durch mit allem? Konnten andere Eltern all das normale Theater mit den Kindern besser ab? Warum hörte ich nie die Nachbarinnen brüllen, sondern nur mein Gekeife, das durch die Gasse hallte?

Mütter-Support in der Sprechstunde

In der Müttersprechstunde auf meinem Instagram-Kanal erzählte ich wenig später von den Fragen, die ich mir stellte. Dort hat sich eine kleine Runde etabliert, in der ich vormittags live ein paar Dinge bespreche, die uns Eltern betreffen. Das Finanzprojekt #MamasUndMoneten von Sophie und mir, Mamasein im Allgemeinen, Gleichberechtigung oder sonstiges, was mir so durch den Kopf geht. Und heute erzählte ich mal ein wenig Privates von mir, und dass mir da so einiges über den Kopf wächst.

Die Reaktionen auf mein Geständnis waren zahlreich und selten habe ich so viele Nachrichten bekommen. Immer war der Inhalt ähnlich: Ganz genau wie ich hatten so viele Frauen manchmal von allem zu viel. Eine Mutter schrieb, dass sie manchmal in der Küche sitzt und weint, weil ihr der Alltag mit ihren drei Mädchen so zusetzt. Eine andere berichtete, dass sie nie so fix und fertig ist wie nach einem ganzen Tag alleine mit den Kindern. Wieder eine andere berichtete mir, ihr würden die gleichen Fragen wie mir durch den Kopf gehen und sie frage sich, ob sie in der Lage ist, eine gute Mutter zu sein.

Auch wenn mir all die anderen Mütter so leid taten wie ich mir manchmal selber, war ich irgendwie erleichtert. Ich war nicht alleine mit diesem Gefühl! Es waren sogar die meisten, die hin und wieder dachten wie ich, ihre dicken Tiefs durchstehen mussten und stark an sich zweifelten. Dabei war auch die Anzahl der Kinder völlig egal. Allen Müttern , ob mit ein, zwei oder mehr Kindern, geht es ab und an mal so, nichts mit immerwährendem Bilderbuch und heiler Welt. Und irgendwie ist das ja auch klar! Wir ziehen Kinder groß, kleine Menschen mit eigenem Kopf. Wir erziehen modern, das bedeutet, wir zwingen ihnen nicht unseren Willen auf, sondern wir nehmen sie ernst und sprechen viel mit ihnen. Wir verzichten selbstverständlich auf Gewalt, auch wenn uns ehrlich gesagt manchmal vor Wut nach einem Klaps auf den Po wäre. Und die Kinder üben ihren Willen. Sollen sie auch, aber das kostet alles ihre und unsere Kraft. Kinder mit Geduld, Spucke und Liebe groß zu ziehen ist anstrengend. Ich habe in meinem ganzen Leben auch noch nie etwas Anstrengenderes gemacht, als ein wütendes Kleinkind davon zu überzeugen, doch jetzt mit mir von der Tagesmutter nach Hause zu gehen, weil dort die Tochter sitzt, die ebenso wütend ist und gerade das Inventar des Wohnzimmers zerlegt (es gab keinen Nachtisch oder nicht den richtigen oder was weiß ich, was der Grund dafür war…). Danach hätte ich mich für drei Stunden aufs Bett legen können, um an die Decke zu starren, so alle war ich. Aber ich musste meinem Großen bei den Hausaufgaben helfen, die er heute besonders doof fand…

Lasst uns darüber reden

Ich habe mal wieder viel gelernt durch den Austausch mit anderen Müttern! Wir müssen ehrlich darüber sprechen, was uns als Eltern auf dem Herzen liegt. Wir alle zweifeln mal an uns, wir alle halten uns ab und zu für schlechte Väter oder Mütter. Aber alleine, dass wir darüber nachdenken, macht uns zu besseren Eltern. Wir machen alle Fehler, sind ungeduldig und motzen unsere Kinder an, denn wir sind alle Menschen, die jeden Tag ganz schön viel leisten. Wenn wir über diese Zweifel sprechen und zugeben, dass wir diese Fehler machen, dann werden wir alle erleichtert sein. Denken wir nicht alle mal daran wie schön es wäre, den Eltern-Job für ein paar Tage an den Nagel hängen zu dürfen und einfach nur an uns selbst zu denken?

Ich habe neulich sogar in einer Doku, die ich um Fernsehen sah, eine Nonne um ihr Leben beneidet, das sagt ja schon alles. Es geht anderen wie mir, auch andere Mütter und Väter stoßen an ihre Grenzen, auch andere Mamas sitzen mal in der Küche, weinen vor Erschöpfung und möchten gerne ihren Alltag tauschen. Das ist alles ganz normal. Lasst uns darüber sprechen, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Und jede Mutter weiß, dass nach so einer Zeit, in der einem jeder Tag wie eine einzige Aneinanderreihung von Hürden aus Trotzanfällen, Streit und Diskussionen vorkommt, wieder eine Zeit kommt, die sich anfühlt wie Zuckerwatte: Mamas, die tanzen, Kinder, die lachen und eine Familie, die Hand in Hand durchs Leben geht.

Bleib fröhlich und denk daran: wir sind alle unperfekt,

deine Laura

Im Leben tun wir Dinge, die gut, schön und wunderbar sind, aber trotzdem sehr, sehr weh tun. Ich denke da an meine Freundin, die den Jakobsweg gegangen ist. Sie hatte Gründe genug, loszulaufen, und schaut nun auf eine Reise zurück, bei der sie neue Freunde, eine Menge Erfahrungen und tiefe Einblicke in ihre Seele gewonnen hat. Aber es gab Momente, da hat sie nur geweint. Warum tue ich mir das an, hat sie sich gefragt. Sie saß mit offenen Blasen an den Füßen und bei strömendem Regen mitten auf dem Camino Frances, verfluchte ihre Idee, wollte zurück in ihre kleine, warme Wohnung in Berlin und hatte keine Lust mehr, auch nur einen einzigen Schritt zu tun.

Mein Jakobsweg

An meine Freundin denke ich oft, denn ich gehe meinen eigenen Jakobsweg. Mein Ziel ist nicht die Kathedrale in Santiago. Mein Ziel ist, drei Kinder auf ihrem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten, ihnen eine schöne Kindheit mit Liebe und Geborgenheit zu schenken und sie dadurch zu herzensguten, verantwortungsbewussten und für sich selbst und andere sorgende Menschen zu machen. Dieser Weg wird sich lohnen, das weiß ich. Und Kinder zu bekommen war die beste Idee, die ich in meinem Leben hatte. Dennoch sitze ich gerade mitten im strömenden Regen auf einem kleinen Stein. Mir tut der Rücken weh, ich bin am Ende meiner Kräfte und ich weiß nicht, wie ich die vielen Schritte schaffen soll, die vor mir liegen.

Mutmacher

Oft sind es in solchen Momenten andere Menschen, die wir treffen, die uns Mut machen. So war es auch bei meiner Freundin, die mit ihrem offenen und strahlenden Wesen immer Seelenverwandte findet, egal wo sie ist auf der Welt. Die eigenen Sorgen teilen, Schwächen zugeben und herzhaft über sich selbst lachen können – mit diesem Rucksack voll Eigenschaften öffnen sich meiner Freundin Türen und Tore und sie fühlt sich geborgen, auch wenn sie fern von zuhause ist.

Mutig sein heißt, darüber zu sprechen, dass wir manchmal nicht mehr können. Dass wir Dinge hinterfragen, die in unserem Leben schief zu gehen scheinen. Wenn wir unser Unglück teilen, finden wir andere, denen es eben so geht. Dann wissen wir: wir sind nicht alleine mit diesem Berg von Sorgen, mit dieser Last.

Seelenverwandte

Ich scrollte neulich durch meine Timeline. Da ploppte ein Facebook-Post von einer geschätzten Bloggerin auf Infemme.com und erfolgreiche Autorin zahlreicher toller Bücher auf. Sie heißt Rike Drust und meldete sich mit einem Kommentar, den ihr eine Leserin zukommen ließ. Die Leserin wollte anonym bleiben und die Community um Rat in ihrer Situation bitten. Der Text war sehr lang, aber schon beim Überfliegen der Schilderungen dieser fremden Frau war ich gerührt.

Sie ist 34 Jahre alt, wie ich. Sie hat drei Kinder, wie ich. Und sie ist erschöpft, wie ich. Sie erzählt, wie kaputt sie von ihrem Alltag ist. Diese völlige Selbstaufgabe, dieses Chaos im Haus, diese Nerven kurz vorm Kollaps:

„Nur der Alltag stresst mich extrem. Drei Jungs mit unterschiedlichen Bedürfnissen wollen 24h Mama haben, die ihre Bedürfnisse befriedigt. Ich habe das Gefühl, es nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich fühle mich oft wie in einem Gefängnis.
Es ist wirklich nur Stress. Es geht morgens schon los- früh aufwachen, obwohl die Nacht mit einer kurzen Unterbrechung nicht so erholsam war, duschen in Sekundenschnelle, Kinder fertig machen- zwei an der Zahl, mit dem großen Jungen diskutieren über Pubertätskram.
Ich schwitze, wenn ich das Haus verlasse und bin total genervt!“

Sie schreibt darüber, wie schön es ist, ein paar Stunden in Ruhe ihrem Job nachzugehen, während die Kinder in Kindergarten und Schule sind. Der Blick auf die Uhr und das Ende dieser Entspannungsphase macht ihr Bauchschmerzen. Sie schildert ihren Nachmittag, der wild und laut ist, in der keine Zeit bleibt, um alleine auf die Toilette zu gehen, weil der 2-jährige Sohn so an ihr klebt. Sie erzählt, dass sie mit schlechtem Gewissen von einem Leben ohne Kinder träumt:

„Ja, richtig, zur Zeit denke ich sehnsüchtig nach einem Leben ohne Kinder und Stress hinüber. Ich stelle mir vor, dass ich dreimal die Woche in mein Fitnessstudio gehen könnte, ich hätte zusammen mit meinem Mann „Geld ohne Ende“, ich könnte nachmittags einfach direkt nach der Arbeit in das saubere, ruhige Haus und den nächsten entspannten Weihnachtsbummel oder Urlaub mit Freunden und Mann planen.“

Sie berichtet weiter, wie sehr sie mit sich hadert, dass sie so denkt. Warum schaffen alle anderen Mütter das alles, und vor allem: wie schaffen sie es? Außerdem klingt ihre Angst mit, all diese Dinge so zu äußern. Wir alle kennen die Reaktionen im Netz, wenn eine Mutter ihre Situation beklagt. Da hagelt es Kritik und Boshaftigkeit, immer klingt der Vorwurf mit, wer sich beschwere, sei keine gute Mutter. Deshalb fragt sich die Schreiberin:

„Wieso dürfen wir Frauen das nicht fühlen und benennen in unserer Gesellschaft, ohne gleich als Rabenmutter oder psychisch instabile Persönlichkeit gesehen zu werden? Ist es nicht normal, dass man als Mensch auch Mensch sein will?“

Ich kenne diese Gefühle

Mich hat der Text so berührt, weil ich mich an vielen Stellen wiedergefunden habe. Diese Kraftanstrengungen, die es braucht, um drei Kinder zu betreuen. Diese Müdigkeit und die Erschöpfung. Der Wunsch, heute Nachmittag einfach mal keinen der Drei abholen und bespaßen zu müssen. Auch ich bin es so leid, dauernd aufzuräumen. Meine Kinder veranstalten bei uns zuhause in nur zwei Stunden ein riesen Chaos. Wo ich zuvor noch aufgeräumt und geputzt habe, ist es bald schmutzig und durcheinander. Ja, so ist es, wenn Kinder im Haushalt leben. Aber hin und wieder bin ich so müde, dauernd für Ordnung sorgen zu müssen. Unser Krabbelkind ist den lieben langen Tag damit beschäftigt, Becher auszukippen, vom Stuhl zu fallen und Krümel im ganzen Haus zu verteilen. Ich mag die Streiterei zwischen den Großen nicht mehr hören und das viele Geschrei raubt mir oft die Nerven.

Mich hat noch etwas berührt, das auch die Autorin Rike Drust zu einem Kommentar veranlasste. Beim Lesen der Zeilen schwante mir schon der Inhalt der Community-Kommentare, mittlerweile sind es 205 an der Zahl. Vermutlich würden hier wieder Hasstiraden geschwungen über Frauen, die ihre Mutterrolle nicht annehmen würden, die egoistisch seien, wo doch Frauen als Mütter klaglos Haushalt und Kinderbetreuung mit Glückseligkeit hinzunehmen hätten. Ich selber veröffentliche meine Texte, in denen ich offen und ehrlich über das Kinderhaben schreibe, immer mit einem unguten Gefühl und habe Angst vor einem Shitstorm der Mütter-Front. Aber die Community von Rike Durst reagierte ganz anders! Alle hatten großes Verständnis, schrieben, dass es ihnen ähnlich ginge. Machten Mut und versuchten, hilfreiche Tipps zu geben. Das hatte ich nicht erwartet!

Rike Durst schrieb dazu: „Eure Solidarität und Euer Verständnis haben mir eben glückliche Tränen in die Augen getrieben. ICH BIN SO VERLIEBT IN EUCH ALLE! UND ICH MÖCHTE JEDER VON EUCH EIN GEHEIMANSTECKZEICHEN GEBEN, DAMIT WIR UNS ALLE ERKENNEN KÖNNEN.“

Mütter-Support

Eben erst hatte ich meine eigene Situation beweint. Dann kamen mir die Tränen in die Augen, weil ich die Frau mit ihrem Text so gut verstanden habe. Die nächsten Tränen heulte ich aus Rührung über die Anteilnahme der anderen Frauen. Oft plädiere ich hier auf dem Blog für mehr Solidarität unter Müttern. Diese Woche habe ich einen Gastbeitrag auf Sonjas Blog Mamanotes veröffentlicht, in dem ich mich für mehr Zusammenhalt aussprach. Wie schön, dass es diese Solidarität unter Müttern tatsächlich im Netz gibt.

Ich möchte aber auch der unbekannten Mutter sagen, wie mutig ich es finde, ihre Sorgen und Nöte im Netz zu teilen. Falls du mich hörst, liebe Schreiberin da draußen: ich habe deinen Text ausgedruckt und in meinen Wintermantel gesteckt. Als ich mich gestern aufmachte, um meine Kinder abzuholen, und mir der Weg schwer fiel, weil ich wusste, dass da wieder ein ziemlich anstrengender Nachmittag kommen würde, da hat mir der Zettel ganz viel Mut gemacht. Ich wusste, dass ich nicht alleine bin. Dass es eine Tatsache ist: Kinder oder ein Kind erziehen und betreuen kann ein Kraftakt sein, der uns hin und wieder alles abverlangt. Ich wusste, dass es nicht an mir liegt, dass ich nicht überempfindlich, ungeduldig oder gar eine schlechte Mutter bin, weil ich nicht immer Glück fühle, sondern auch mal traurig und erschöpft bin. Dass es ein normales Bedürfnis ist zu wünschen, dass es mal einfach wieder um MICH geht – das war Balsam für meine Seele.

Auf nach Santiago

Wir können das Kinder-Haben sehen wie eine Reise auf dem Jakobsweg. Es wird die bereicherndste Reise sein, die wir in unserem Leben gemacht haben: da ist ganz viel Glück und Zufriedenheit. Stolz auf unsere Söhne und Töchter, unglaublich viel Zuneigung und Liebe. Tiefe Einblicke in unsere Seele, in unsere Vergangenheit und in die dunklen Seiten unseres Ichs. Und es wird immer und immer wieder Momente geben, in denen wir heulend im Regen sitzen und unsere Wunden lecken. Wenn wir dann ehrlich sind, unsere Sorgen und Ängste teilen und uns gegenseitig unterstützen, dann fassen wir Mütter neuen Mut und bekommen neue Kraft. Auf, in Richtung Santiago, Mädels, wir schaffen das – gemeinsam!

Danke für deinen Text, liebe fremde Person. Du hast in mir eine Schwester im Geiste!

Bleib fröhlich und unperfekt,

Laura

Ps.: Danke auch an Rike Drust, die vielleicht im Gefühl hatte, was die Worte in vielen Lesern auslösen würden. Ich liebe deine Bücher „Muttergefühle. Gesamtausgabe“ und „Muttergefühle. Zwei: Neues Kind, neues Glück“ und empfehle sie hiermit allen Müttern dringend weiter!

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Manchmal liege ich abends im Bett. Kurz vor dem Einschlafen läuft ein Film vor meinem inneren Auge ab: ich bringe Jimmy und Luise in den Kindergarten, Luise steigt aus dem Auto, rennt über die Straße, aus den Augenwinkeln sehe ich einen Lastwagen kommen – rumms! Dann sitze ich vor Schreck senkrecht, mein Herz klopft, ich kann mich kaum beruhigen. Seit Jimmys Geburt laufen vor meinem inneren Auge immer mal wieder ganz schreckliche Filme ab, von Babys, die aus dem Fenster fallen, Kindern, die vor die S-Bahn plumpsen und andere Horror-Alpträume. Und dann wird mir wieder klar, was ich mir mit Beginn der ersten Schwangerschaft aufgehalst habe: Sorgen so groß wie der Mont Blanc und so schwer wie ein 100 Kilo-Sack Zement auf meinen Schultern. Diese trage ich mit mir herum und werde sie wohl mein Leben lang nicht mehr los. Sie drehen sich um die Kinder, um deren Gesundheit, Zukunft, Zufriedenheit und Wohlbefinden.

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Die Schwangerschaft ist nur der Anfang

Eine Bekannte erzählte mir neulich von ihrer Schwester, die das erste Kind bekommen hatte. „Werden die Sorgen nun weniger, wenn das Kind geboren ist?“ fragte die Neumutter hoffnungsvoll. Meine Bekannte musste ihr möglichst schonend die Wahrheit sagen: „Weißt du was? Die Gedanken um ein Baby im Bauch, ob es wohl gesund sein wird, ob es behindert oder krank sein könnte, und all die Schauergeschichten rund um die Pränataldiagnostik, das ist nur der Anfang.“

Das Schlimme ist manchmal, dass die Sorgen mit dem Alter und den Erfahrungen zunehmen, auch was die Schwangerschaft betrifft. Ich bin Anfang Dreissig, haben nun im Bekanntenkreis mehr als zwei Dutzend Mütter. Einige davon haben rund um die Geburt schlimme Geschichten erlebt oder kennen mindestens eine Geschichte aus deren Bekanntenkreis, die nicht so gut ausging. Auch Ärzte erläutern ja gerne mal, was alles passieren kann, von der missglückten Hausgeburt bis hin zu Toxoplasmose-Infektionen mit ihren fatalen Folgen.

Leider sind die Sorgen mit Geburt eines gesunden Kindes nicht hinfällig geworden. Wir Mütter fürchten uns schon, wenn das Baby nicht wie die anderen mit neun Monaten sitzen kann, und bibbern, ob der Säugling an einem frühkindlichen Autismus leidet, wenn er nicht wie im Buch beschrieben nach ein paar Lebenswochen lächelt wie ein Sonnenschein. Die ersten Lebensmonate der Kinder stand ich stündlich an Bettchen, Kinder- oder Stubenwagen und prüfte deren vorhandenen Atem. Als Luise und Jimmy nach acht Monaten länger als fünf Stunden schliefen, brachte mir das überhaupt nichts, denn nun wachte ich alle zwei Stunden auf und schaute, ob sie noch unter den Lebenden weilten. Aber das sind Kinkerlitzchen.

Oft saß ich die letzen Jahre mit rasendem Puls nachts am Bett eines fiebernden Kleinkinds, das Thermometer parat und minütlich messend, ob die Temperatur weiter steigt. „Sollen wir in die Notfallambulanz fahren?“, habe ich Anton um halb zwei gefragt, und seine rollenden Augen ignoriert.

Die anfangs beschriebenen Gruselgeschichten, die mich beim Einschlafen ins Gehirn schleichen, nähren sich aus Film, Fernsehen und sonstigen Medien, in denen traurige Kinderschicksale eine Rolle spielen. Welche Mutter kann denn überhaupt noch einen sonntäglichen Tatort sehen, in dem ein Kind entführt oder wie letzten Sonntag erschlagen wird? Ich selbst schaffe es nicht mal mehr, eine Reportage über Pinguine anzuschauen. Denn immer wird dabei gezeigt, wie die Pinguin-Papas ihr Ei verlieren, das sie auszubrüten gedenken, oder wie sich die Babypinguine verlaufen und dann erfrieren. Mein Mutterherz zieht sich dann schmerzend zusammen und ich muss unweigerlich umschalten.

Wenn ich jetzt daran denke, dass Jimmy, Luise und Oskar irgendwann mal den Führerschein machen wollen, wird mir Angst und Bange. Aber erst einmal muss ich mich daran gewöhnen, dass Jimmy im nächsten Jahr in die Schule gehen wird, und das zu Fuß und ohne mich!

Geh nicht mit Fremden mit!

Neulich ließ ich Jimmy im Supermarkt drei Minuten alleine, um mit Luise aufs Klo zu gehen. Ich wusste, ich kann mich auf ihn verlassen, und dass er brav mit unserem Einkaufswagen warten würde. Abends erzählte ich Anton davon. Der schaute mich entgeistert an und fragte, ob ich nicht Angst gehabt hätte, dass Jimmy von einem Fremden aufgegabelt würde. Ehrlich gesagt hatte ich daran nicht gedacht, aber in dieser Nacht grübelte ich lange und mir war stundenlang übel, als ich über die Gefahr nachdachte, an die mich Anton erinnert hatte.

Wie gehen wir Eltern und besonders wir Mütter mit diesen Sorgen um? Das frage ich mich häufig, denn ein Leben voller Sorgen um Dinge, die vielleicht und hoffentlich niemals eintreffen werden, ist meiner Meinung nach nicht lebenswert. Und schlimmer noch finde ich die Gefahr, die Sorgen an die Kinder weiterzugeben!

Ich habe ein passendes Sprichwort in dem schönen und empfehlenswerten Buch von Michael Hauch, „Kindheit ist keine Krankheit“, gefunden. Er zitiert hier den Polen Janusz Korczak, ebenfalls Kinderarzt und Erzieher:

Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben. (S. 67)

Wie können wir mit der Sorge leben?

Nun, was können wir tun, um uns nicht von diesen Sorgen auffressen zu lassen? Mein Ansatz ist dieser: ich möchte das Leben und meine Kinder im Moment genießen. Achtsamkeit ist das Stichwort. Der ewige Gedanke an morgen, an die Zukunft – was bringt er schon? Wir leben im Hier und Jetzt und genießen das Glück, das wir haben. Also übe ich mich in Meditation, die ja nachweislich den Gang unserer Gedanken positiv beeinflussen soll.

Ganz wichtig ist es mir, diese Sorgen keinesfalls auf die Kinder zu übertragen. Jimmy und Luise sollen nicht mit der Angst aufwachsen, ihnen oder ihren Eltern könnte jeden Moment ein Unglück geschehen. Vorsicht ist gut und wichtig, besonders an Straße und U-Bahn-Haltestelle, aber es darf im Umgang mit diesen Alltagsdingen keine Todesgefahr allgegenwärtig sein. Vor allem Jimmy, der beim Thema Gefahr sehr sensibel ist und sich zur Zeit damit beschäftigt, was alles bei Gewitter passieren kann, soll nicht mit dem Gefühl leben, dass die Welt jeden Augenblick über ihm zusammenbrechen könnte.

Seine Sorgen irgendwo abladen, das kann unheimlich helfen. Ich habe in Gesprächen mit andern Müttern gelernt, dass es nicht nur mir so geht. Nach einem Frühstück mit meiner Freundin Ruth waren wir uns sehr nah, weil wir uns vor den gleichen Dingen fürchten: dass unseren Kindern etwas passieren könnte. Es tat gut, mit jemandem zu reden und danach fühlte ich mich ein wenig sorgenfreier. Manchmal, wenn mich die Gedanken quälen, gehe ich in die Kirche und zünde eine Kerze an. Eltern, die nicht gläubig sind, haben vielleicht auch einen schönen, ruhigen Ort, der ihnen Trost verspricht. Ein Teelicht anzünden, die Ängste in den Wind sprechen und sich von Natur und Stille ein wenig trösten lassen – das tut gut!

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Letztendlich mache ich mir immer wieder klar, dass diese Sorgen um die Kinder von der Natur so gewollt sind, um unseren Nachwuchs zu beschützen. Dass etwas passieren könnte, ist nicht unmöglich. Die meisten Kinder werden ja zum Glück auch ohne größere Unfälle groß. Es ist wie beim Fliegen: ins Flugzeug zu steigen ist nicht ganz risikolos, dass die Maschine aber abstürzt, ist sehr unwahrscheinlich.

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Also, liebe Mütter! Mit den Sorgen um unsere Kinder müssen wir wohl leben, aber wir sollten unser Leben nicht von ihnen beherrschen lassen. Das Leben ist eben nicht ganz risikofrei, aber es ist schön. Das müssen wir unseren Kindern unbedingt vorleben! Immer schön gelassen bleiben, eure Laura