Belohnen und Bestrafen ist out. Wir lieben jetzt bedingungslos!

Buchtipp

Als Neumutter habe ich vor, während und nach der Schwangerschaft nicht nur viel Schokolade gegessen, sondern auch einen Haufen guter Ratgeber gelesen. Meist waren sie so nützlich wie Haarausfall und Stilldemenenz zusammen. Mein Schrank ist voll von Büchern über konsequentes Erziehen, dauerndes Durchschlafen, mit Zauberwolle heilbare Kinderkrankheiten und Bestsellern mit schönen Titeln wie „Locker, lässig und gut gelaunt durch die ersten 12 Monate“.

Eigentlich hätte ich genauso gut das Stichwort „Schreibaby“ bei Google eingeben können. Die Erkenntnis wäre ähnlich gering gewesen. Tipps vom Dauertragen des brüllenden Säuglings über das Anlegen von Bernsteinketten bis hin zur Kümmelteezubereitung bei abnehmendem Mond konnten mich meist wenig überzeugen, denn beim Thema Erziehung habe ich erst mit wachsender Erfahrung gelernt, dass ich nur meinen eigenen Weg gehen kann, der sich für mich und meine Kinder (zumindest meistens) gut anfühlt. Ein Buch nehme ich aber immernoch und gerne zur Hand: Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung.

Zu diesem wertvollen Besitz kam ich durch puren Zufall. Da kein Pekip-Platz für Luise mehr frei war, meldete ich sie in einer Waldorf-Krabbelgruppe an. Die Einladung zum Elternabend (what the hell..) nahm ich mit geringer Begeisterung entgegen und mir entglitten die Gesichtsszüge, nachdem wir bis Mitternacht Bienenharz kneteten und Hirsebrei aßen. Eine Sache aber machte mich nachdenklich: Auf die Frage, wie wir uns unsere Kinder wünschen, wenn sie erwachsen sind, antworteten wir ambitionierten Mütter gemeinsam: unabhängig, selbstbewusst, nicht nach der Pfeife anderer tanzend undsoweiter… Nun fragte uns aber die Dame im langen Faltenrock, warum wir dann immer die Kinder für „gut erzogen“ und „unheimlich lieb“hielten, die immer hörten, was wir sagen, und immer machten, was wir wollen? Warum schauten wir nicht auch mal stolz auf unsere Sprösslinge, die ihren eigenen Willen selbstbewusst äußern und oft ein prima Gefühl dafür besitzen, was sie gerade wirklich brauchen? Völlig unabhängig davon, was wir von ihnen wollen? Zu diesen Gedanken empfahl sie uns dieses Buch von Alfie Kohn.

Der Abend brachte mich zum Nachdenken. Nicht, dass das Ergebnis die Revolution des Kinderwillens bedeuten sollte und Kinder von jetzt an nur das tun dürften, was sie selbst wollen. Aber es ging doch ganz klar um eines: Respekt dem Kind und seinem Willen gegenüber. Und etwas anderes ließ mich nicht mehr los: Mein blödes Gefühl, wenn ich Jimmy die sprichwörtliche Pistole auf die Brust setze: „Wenn du jetzt nicht vernünftig isst, gibt es kein Sandmännchen!“

Die „Wenn du nicht….dann-Drohungen“ sind ja die beliebten Waffen aller Eltern inklusive meiner  Wenigkeit. Aber ich fühle mich danach immer ein bisschen wie eine Erpresserin.

Zurück zum Buch: Im Großen und Ganzen bin ich meist beeindruckt von dem, was Alfie Kohn schreibt. Und ich möchte Vieles genau so machen, wie er es rät. Das funktioniert natürlich nicht. Aber manchmal schießt mir wieder einer seiner Gedanke durch den Kopf. Zwar spreche ich heute noch mit erhobenem Zeigefinger von eingezogenem Nachtisch, dem sofortigen Verlassens des Zoos, dem NIE-WIEDER-EINLADEN des Kindergartenfreundes, aber manchmal gelingt es mir, es zu vermeiden.

Das Buch propagiert auf keinen Fall die Alleinherrschaft des Kinderwillen. Aber es handelt ganz viel von Liebe und Respekt. Also, viel Spaß beim Lesen und Erziehen. Und wenn es euch nicht gefällt, dann gibts demnächst keinen Tatort mehr, habt ihr das verstanden? Laura

Merken

Pia Laura Froehlich

5 Comments

  1. Ich bin auch ein großer Fan von diesem Buch und lese es gerade zum zweiten Mal. Werde es wohl immer wieder mal zur Hand nehmen. Vieles von dem, was Alfie Kohn schreibt, hatte ich eh schon irgendwie im Gefühl, aber das so gut argumentiert schwarz auf weiß zu lesen, bestärkt einen dann schon nochmal.
    Werde mir jetzt dann aber wohl auch noch „Mit Kindern wachsen“ (von deiner Rezension bin ich auf diesen Beitrag hier gekommen) zulegen. Ach, es gibt sie ja doch noch, die empfehlenswerten „Ratgeber“! Man muss nur die richtigen finden, aber wenn man einmal am entsprechenden Dampfer ist, geht’s eh dahin. Und es freut mich sehr, zu lesen, dass immer mehr Eltern diesen Dampfer finden, so habe ich doch noch Hoffnung für die Zukunft der Menschheit 😉 Marshall Rosenberg z.B. steht auch noch auf meiner Liste…

    • Ja, dieses Buch mag ich auch sehr gerne. Ich finde sogar, dass es einen ganzen Haufen guter Ratgeber gibt, ich habe nur eine Weile gebraucht, bis ich sie gefunden habe. Mir hat dieses sowie die Bücher von Renz-Polster sehr viel gebracht und meine Einstellung zum Thema Erziehung geändert.

  2. Ich bin auch ein ganz großer Fan dieses Buches!! Natürlich gelingt nicht immer alles, aber er betont darin auch immer wieder, dass es (vor allem) bei Kleinkindern manchmal nicht funktioniert. Ein Buch, das wirklich alle Eltern mal gelesen haben sollten… LG aus Wiesbaden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.