Liebes Schulkind,

da stehst du nun: stolz mit der grünen Fußball-Schultüte und dem großen Ranzen auf deinem zarten Rücken. Du gehst nun los, um Lesen und Schreiben zu lernen. Ich gehe los, um Loslassen zu lernen. Wir beide haben einen Weg vor uns, den wir von jetzt an streckenweise getrennt gehen werden. Und damit meine ich nicht nur deinen Schulweg.

Dieser erste Schultag ist etwas ganz besonderes, das haben wir alle gemerkt. Du saßt mit deinem Freund vorne in den ersten Reihen. Geheuer war dir das nicht so richtig, aber du bist tapfer sitzen geblieben. Und dann bist du mit deinen Klassenlehrerinnen und den neuen Mitschülern aufgestanden und aus dem Saal gegangen. Da hatte ich einen Kloß im Hals.

Bisher war ich mutig. Ich habe insgeheim den Kopf geschüttelt über all die Eltern, die sich so sehr vor dem ersten Schultag ihrer Kinder fürchten. Ich habe mich nicht gefüchtet, weil du dich nicht gefürchtet hast. Und du hattest keine Angst, weil wir dir keine Angst gemacht haben. Eigentlich war dir dieses ganze Theater um die Einschulung in den letzten Wochen ziemlich egal und das einzige, das dich interessierte war, dass es in den Pausen Fußballturniere geben soll. Am ersten Schultag bist du um einiges mutiger als ich.

Insgeheim habe ich auch über die Eltern den Kopf geschüttelt, die erzählten, wie gerührt sie am ersten Schultag ihrer Kinder waren und Tränen vergossen. Jetzt kommen mir selber die Tränen, als ich dich da stehen sehe. So groß und klein gleichzeitig, ein wenig eingeschüchtert von all den vielen Menschen um dich rum, trotzdem so zuversichtlich auf das, was da kommt und so gespannt auf all die Dinge, die du in den nächsten Wochen lernen wirst.

Und ein Film läuft in meinem Kopf ab. Ein Film von einem kleinen Jungen, der dauernd seine sieben Sachen vergessen wird. Von einer Mama, die in der Schule in einer muffelnden Fundkiste nach Schirm, Sporthose und Winterjacke sucht. Von einem Erstklässler, der keine Lust hat, Bilder auszumalen und endlose Reihen von Buchstaben zu schreiben. Von einem Kerl, der Arbeitsblätter nicht in die Mappe, sonder zerknittert in die Schultasche stopft. Von seiner Mutter, die nach dem Unterricht sagt: „Na, wie wars? Erzähl doch mal!“ Und ein Sohn, der mit den Schultern zuckt und nichts antwortet außer „geht so!“ Im Film geht der kleine Mann nach der Schule nicht schnurstracks nach Hause, sondern holt sich von seinem Taschengeld Kaugummi am Kiosk, während seine Mutter mit bangem Blick an der Straßenecke auf ihn wartet.

So oft habe ich kleine Jungs in die Schule rennen sehen, während du an meiner Hand zum Kindergarten gingst. Habe die kleinen Männlein bestaunt, die mit ihren riesigen Kisten auf den Rücken durch die große Türe rannten, während du mit deinem Laufrad vor mir her fuhrst. Konnte die wilden Kerle auf dem Pausenhof lärmen hören, während du die Rutsche auf dem Spielplatz runter schlittertest. Und nun bist du selbst so ein Junge, der eine riesen Kiste auf dem Rücken trägt und nichts als Fußball in der großen Pause im Kopf hat.

Ich bin nur ein bisschen traurig, dass sich unsere Wege von nun an immer öfter trennen werden. Aber ich bin mächtig stolz auf diesen Jungen, der seinen ganzen Mut zusammennimmt und an der Hand einer seiner neuen Lehrerinnen aus der großen Halle geht. Denn ich darf dich, lieber Jimmy, auf deinem Schulweg begleiten. Ich darf dir Mut machen, dir Halt geben, dich aufmuntern, wenn die Mathearbeit schlecht lief oder du Ärger mit deinem besten Freund hattest. Ich darf mich mit dir freuen, wenn du zum Klassensprecher gewählt wurdest oder eine Eins beim Lesen abgestaubt hast. Ich werde deine Turnschuhe suchen, deine Arbeitsblätter in die Mappe einsortieren, dich in der Schule wegen Magenschmerzen entschuldigen, wenn Deutschland im Finale der Fußballweltmeisterschaft steht, deine Pausenbrotdose mit den verschimmelten Broten aus der Tasche holen und dich erleichtert in die Arme schließen, wenn du mal wieder auf dem Nachhauseweg getrödelt hast.

Und nun wünsche ich dir eine wunderschöne Schulzeit. Hab Spaß und Freude am Lernen, finde Menschen, die du als Freunde in dein Herz schließt, lass dich nicht unterkriegen von Notendruck und Zeugnisstress, spiele, lache, sei frech und jungenhaft. Ich bin gespannt und so voller Freude auf das, was da kommen mag und werde am Wegesrand stehen und dir winken.

Ey, wenn sich alles in Kreisen bewegt
Dann gehst du links, dann geh‘ ich rechts
Und irgendwann kreuzt sich der Weg
Wenn wir uns wieder sehen

(Kreise, Johannes Oerding)

Deine Mama

Nachtrag:

Mit meinem Text „Brief an mein Schulkind“ bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2018 und möchte damit allen Eltern Mut machen, die vor der Einschulung ihres Kindes stehen oder schon ein Schulkind haben, so wie ich. Wir haben das erste Schuljahr hinter uns. Lief alles rund? Nein! Natürlich gab es auch bei uns ein paar Hindernisse zu überwinden. Jimmy musste lernen, den Stift zu halten und säuberlich zu schreiben, ich musste das Loslassen lernen. An einem Tag habe ich mit klopfendem Herzen auf mein Kind gewartet und hatte unglaublich Angst, dass ihm etwas passiert ist. Es kam laut singend und 20 Minuten zu spät, weil es in der Schule noch einen Streit klären musste. An einem anderen Tag habe ich Jimmy morgens angeschrien, weil er in kurzer Zeit zwei Schals, eine Mütze, drei Stifte, das neue Radiergummi und die Trinkflasche verloren und vergessen hat. Er ist dann weinend zur Schule gegangen und mir hat wenig später das Herz geblutet, weil ich so gemein war. Weißt du, was ich gelernt habe? Meinem Kind zu vertrauen.

Er macht das schon und Fehler sind da, um daraus zu lernen. Unsere Kinder sind ganz wunderbar und all die vergessenen Sachen, das Rumbummeln auf dem Schulweg, Schwierigkeiten mit den Hausaufgaben, Unlust zu lesen und zu schreiben – es gehört dazu und ist normal. Alles was dein Kind braucht, sind Eltern, die ihm das Gefühl geben: du, mein Kind, du schaffst das schon. Wenn etwas schief geht, sind wir bei dir.

Mut ist ganz wichtig, und zwar für dich. Hab Mut, dein Kind alleine zur Schule gehen und stückchenweise immer mehr Verantwortung tragen zu lassen. Hab Mut, seine Schwächen zu akzeptieren und seine Stärken in den Fokus zu stellen. Eine Sportskanone kann nicht noch den Lesewettbewerb gewinnen, ein kleines Computergehirn wird nicht auch noch Erster beim Wettrennen. Ein sensibles Kind, das viel Feingefühl für seine Mitmenschen hat, muss kein Klassensprecher werden und ein Traumtänzer kann vielleicht singen und malen, aber nicht jede Regel einhalten. Wir Eltern lernen sehr viel, wenn unser Kind in die Schule gehen. Ich wünsche euch, dass ihr dieses Abenteuer gemeinsam erlebt, sich eure Wege immer wieder kreuzen und ihr all die kleinen und großen Hürden gemeinsam meistern werdet. Bleib fröhlich und vor allem: unperfekt. Denn das zeichnet uns Menschen aus. Deine Laura

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18 Comments

  1. Ariane Ben Salah Reply

    Liebe Laura,

    es ist immer wieder eine wahre Freude deine Texte zu lesen.
    So herrlich ehrlich, erfrischend und authentisch.
    Ich musste schmunzeln und bekam vor Rührung Tränen in die Augen- einfach schön.
    So ein toller Brief, dein Sohn kann stolz auf seine Mami sein❤️

    Alles Liebe von Ariane

    • Liebe Ariane, ich freue mich so über deine lieben Worte! Haben mir sehr, sehr gut getan. Alles Liebe, deine Laura

  2. Pingback: Ich bin für den Scoyo-Blogaward nominiert! - Heute ist Musik

  3. Liebe Laura,
    das ist so ein wunderbarer und ehrlicher Text! Mein Sohn ist gerade in die 3. Klasse gekommen und ich erinnere mich gut an die Kitawege auf denen ich die kleinen Jungs mit Ihren großen Kisten auf dem Rücken genau wie du beobachtet habe und mir gar nicht vorstellen konnte wie es sein wird wenn ich diese kleine Hand loslassen muss um sie frei zu lassen. Alles hat seine Zeit und wenn es soweit ist und genügend Liebe und Vertrauen da ist, dann ist es gar nicht so schlimm wie zu erst erwartet.
    Ich werde für dich beim scoyo ELTERN! Blog Award 2018 stimmen, weil du mir so sehr aus dem Herzen geschrieben hast.
    Liebe Grüße
    Alexandra

    • Liebe Alexandra, was habe ich mich über deinen Kommentar gefreut. Danke dir ganz herzlich dafür. Alles Liebe, Laura

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  5. Liebe Laura, ich war auch sehr gerührt über deinen Brief. Habe ihn jetzt erst gelesen, rein zufällig. Ich bin eine Oma und habe für meinen ersten Enkel ein kleines Bilderbuch mit Texten zusammengestellt. Das hat mir viel Spaß gemacht und für meinen David ist es eine bleibende Erinnerung an seine Einschulung.
    Liebe Grüße
    Evelyn

    • Liebe Evelyn, das ist aber ein wundervolles Geschenk. Und ich finde es sehr schön, dass dir mein Text gefallen hat. Ganz liebe Grüße, deine Laura

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  7. Wie rührend…Unser Grosser ist inzwischen in der 6. Klasse und selbst beim Schulwechsel ging es mir genauso. Nun kommt die Kleine im Sommer in die Schule und ein bisschen Bauchschmerzen habe ich jetzt schon deswegen.
    Es tut aber gut, zu wissen, dass wir mit unseren Gefühlen nicht allein sind.
    Liebe Grüße, Bettina

    • Liebe Bettina, auf jeden Fall! Ich denke, für Eltern ist es ein besonderes Erlebnis, weil die Kinder so groß scheinen. Aber es war auch sehr, sehr schön. Liebe Grüße, Laura

  8. So und jetzt muss ich heulen vor Rührung. Vielen Dank für Dine tollen Zeilen ❤️

    Liebe Grüße
    Stephie

    • Liebe Stephie, sehr, sehr gerne. Ist ganz schön emotional, die Sache mit der Einschulung, oder? Liebe Grüße von Laura

  9. Hallo, ich bin erst jetzt über deinen schönen Brief gestolpert und ich hab mich so sehr wieder erkannt. Mein Sohn James – selbst die Namen sind fast gleich – ist auch im Sommer eingeschult worden und auch ich wollte nicht weinen (sie spielten übrigens das oben zitierte Reinhard Mey Lied bei der Einschulungsfeier in der Turnhalle ). Und auch ich stehe an der Strasse und warte auf mein trödelndes Kind, um ihm gespannt die Frage zu stellen, wie es in der Schule war, auf die er dann antwortet: Weiss ich nicht mehr, Mama.“ Bei uns läuft es wirklich ähnlich ab. Ich wünsche euch ein schöne Zeit, die leider zu schnell vergeht. Liebe Grüße, Sylvia

    • Liebe Sylvia, ich freue mich sehr über deinen Kommentar. Da geht es uns ja ganz gleich. Beste Grüße von Laura

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  11. Welch eine wunderschöner Brief!
    Ich musste selbst an meine damalige Einschulung denken. Ob meinen Eltern wohl dasselbe durch den Kopf ging? Wahrscheinlich schon. 🙂

    Die Schule ist ja nun bereits ein paar Wochen am laufen und ich hoffe, dass alles so eingetreten ist und noch eintreten wird, wie du es deinem Kind wünscht.

    Liebe Grüße
    Fräulein Wunderplan

    • Ich danke dir für deinen netten und herzlichen Kommentar. Stimmt, mir ging auch mein erster Schultag durch den Kopf. Daran sieht man ja, wie wichtig dieser Tag doch ist. Liebe Grüße, Laura

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