Brief an mein Schulkind

Es ist, als würd‘ ich draußen steh‘n,
Uns beide durch ein Fenster seh‘n,
Hör‘ meine Stimme aus der Ferne,
Als ob ich selbst zur Schule geh‘
Und noch einmal das ABC,
Das 1 x 1 mühevoll lerne.

(Reinhard Mey)

Liebes Schulkind,

da stehst du nun: stolz mit der grünen Fußball-Schultüte und dem großen Ranzen auf deinem zarten Rücken. Du gehst nun los, um Lesen und Schreiben zu lernen. Ich gehe los, um Loslassen zu lernen. Wir beide haben einen Weg vor uns, den wir von jetzt an streckenweise getrennt gehen werden. Und damit meine ich nicht nur deinen Schulweg.

Schulkind

Dieser erste Schultag ist etwas ganz besonderes, das haben wir alle gemerkt. Du saßt mit deinem Freund vorne in den ersten Reihen. Geheuer war dir das nicht so richtig, aber du bist tapfer sitzen geblieben. Und dann bist du mit deinen Klassenlehrerinnen und den neuen Mitschülern aufgestanden und aus dem Saal gegangen. Da hatte ich einen Klos im Hals.

Bisher war ich mutig. Ich habe insgeheim den Kopf geschüttelt über all die Eltern, die sich so sehr vor dem ersten Schultag ihrer Kinder fürchten. Ich habe mich nicht gefüchtet, weil du dich nicht gefürchtet hast. Und du hattest keine Angst, weil wir dir keine Angst gemacht haben. Eigentlich war dir dieses ganze Theater um die Einschulung in den letzten Wochen ziemlich egal und das einzige, das dich interessierte war, dass es in den Pausen Fußballturniere geben soll. Am ersten Schultag bist du um einiges mutiger als ich.

Insgeheim habe ich auch über die Eltern den Kopf geschüttelt, die erzählten, wie gerührt sie am ersten Schultag ihrer Kinder waren und Tränen vergossen. Jetzt kommen mir selber die Tränen, als ich dich da stehen sehe. So groß und klein gleichzeitig, ein wenig eingeschüchtert von all den vielen Menschen um dich rum, trotzdem so zuversichtlich auf das, was da kommt und so gespannt auf all die Dinge, die du in den nächsten Wochen lernen wirst.

Und ein Film läuft in meinem Kopf ab. Ein Film von einem kleinen Jungen, der dauernd seine sieben Sachen vergessen wird. Von einer Mama, die in der Schule in einer muffelnden Fundkiste nach Schirm, Sporthose und Winterjacke sucht. Von einem Erstklässler, der keine Lust hat, Bilder auszumalen und endlose Reihen von Buchstaben zu schreiben. Von einem Kerl, der Arbeitsblätter nicht in die Mappe, sonder zerknittert in die Schultasche stopft. Von seiner Mutter, die nach dem Unterricht sagt: „Na, wie wars? Erzähl doch mal!“ Und ein Sohn, der mit den Schultern zuckt und nichts antwortet außer „geht so!“ Im Film geht der kleine Mann nach der Schule nicht schnurstracks nach Hause, sondern holt sich von seinem Taschengeld Kaugummi am Kiosk, während seine Mutter mit bangem Blick an der Straßenecke auf ihn wartet.

So oft habe ich kleine Jungs in die Schule rennen sehen, während du an meiner Hand zum Kindergarten gingst. Habe die kleinen Männlein bestaunt, die mit ihren riesigen Kisten auf den Rücken durch die große Türe rannten, während du mit deinem Laufrad vor mir her fuhrst. Konnte die wilden Kerle auf dem Pausenhof lärmen hören, während du die Rutsche auf dem Spielplatz runter schlittertest. Und nun bist du selbst so ein Junge, der eine riesen Kiste auf dem Rücken trägt und nichts als Fußball in der großen Pause im Kopf hat.

Ich bin nur ein bisschen traurig, dass sich unsere Wege von nun an immer öfter trennen werden. Aber ich bin mächtig stolz über diesen Jungen, der seinen ganzen Mut zusammen nimmt und an der Hand einer seiner neuen Lehrerinnen aus der großen Halle geht. Denn ich darf dich, lieber Jimmy, auf deinem Schulweg begleiten. Ich darf dir Mut machen, dir Halt geben, dich aufmuntern, wenn die Mathearbeit schlecht lief oder du Ärger mit deinem besten Freund hattest. Ich darf mich mit dir freuen, wenn du zum Klassensprecher gewählt wurdest oder eine Eins beim Lesen abgestaubt hast. Ich werde deine Turnschuhe suchen, deine Arbeitsblätter in die Mappe einsortieren, dich in der Schule wegen Magenschmerzen entschuldigen, wenn Deutschland im Finale der Fußballweltmeisterschaft steht, deine Pausenbrotdose mit den verschimmelten Broten aus der Tasche holen und dich erleichtert in die Arme schließen, wenn du mal wieder auf dem Nachhauseweg getrödelt hast.

Und nun wünsche ich dir eine wunderschöne Schulzeit. Hab Spaß und Freude am Lernen, finde Menschen, die du als Freunde in dein Herz schließt, lass dich nicht unterkriegen von Notendruck und Zeugnisstress, spiele, lache, sei frech und jungenhaft. Ich bin gespannt und so voller Freude auf das, was da kommen mag und werde am Wegesrand stehen und dir winken.

Ey, wenn sich alles in Kreisen bewegt
Dann gehst du links, dann geh‘ ich rechts
Und irgendwann kreuzt sich der Weg
Wenn wir uns wieder sehen

(Johannes Oerding)

Deine Mama

Laura

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