Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie treibt mich ja ganz schön um, wie du inzwischen weißt. Und immer wieder bin ich begeistert von der Idee, dass sich Eltern Beruf und Haushalt teilen. Ich weiß, das klappt einfach nicht immer. In vielen Fällen verdient der eine erheblich mehr als der andere und arbeitet deshalb Vollzeit, oder es gibt für einen von beiden keine Möglichkeit, die Arbeitszeit zu reduzieren. Manche Mütter möchten auch nicht in ihren Job zurück oder beide Eltern sind gezwungen, auf einer 100%-Stelle zu arbeiten, weil das Geld sonst nicht reicht. Daher will ich die Entscheidung, dass beide ihren Job reduzieren und zuhause gemeinsam mitanpacken, nicht als den einzig richtigen Weg verklären. Es ist in allererster Linie eine ganz individuelle Entscheidung. Für alle Eltern aber, die das Konzept so gut finden wie ich, habe ich im Dezember 2017 einen Aufruf gestartet. Ich wollte von Paaren, die beide reduziert arbeiten, wissen, wie das bei ihnen klappt und warum sie sich dafür entschieden haben.

Wollen mehr Zeit füreinander: Tine und Jens

Die ersten, die mir ihre Antworten schickten, waren Tine* und Jens*.  Sie haben zusammen zwei Kinder, die neun und elf Jahre alt sind. Tine ist Sozialpädagogin und Jens arbeitet in einem Bäderbetrieb als Fachangestellter, beide haben eine 80%-Stelle. Vor einem halben Jahr haben die beiden beschlossen, etwas an ihrem Leben zu ändern:

Tine: Wir waren beide völlig überlastet von den Anforderungen des Arbeitsalltags, der Organisation von Kinderbetreuung, Haushalt und den langen Fahrzeiten zur Arbeit. Besonders weil Jens auch an WochenendenSchichtarbeit hat. Hatte er Spätschicht, dann habe ich es immer nur ganz knapp vor der Schliesszeit zu Kita oder Hort geschafft. Überstunden oder späte Termine waren kaum machbar und wir haben uns eigentlich nur noch die Klinke in die Hand gegeben. Schlussendlich hat meine Gesundheit so sehr gelitten und unsere Beziehung auch, dass wir uns entschieden haben: es muss sich etwas ändern.

Weil Tine die Hauptverdienerin ist, kam das traditionelle Rollenbild, die Frau macht die Hausarbeit, der Mann geht der Erwerbsarbeit nach, sowieso nicht in Frage. Sicher hat auch eine Rolle gespielt, dass die beiden aus dem Osten Deutschlands kommen, wo es sowieso üblicher ist, dass beide Eltern arbeiten. Jens war es, der die Arbeitszeitreduzierung angeregt hat, weil er mehr Zeit mit der Familie verbringen wollte. Tine hat dann auch reduziert, weil sie gesundheitlich so erschöpft war. Außerdem wollten Tine und Jens endlich wieder mehr Zeit als Paar verbringen.

Mich interessiert vor allem immer, wie der Arbeitgeber reagiert, wenn ein Mann seine Arbeitszeit reduzieren will. In Jens Fall hat dieser nur nach den Gründen gefragt und war sonst neutral. Allerdings hat er von den Kollegen hin und wieder sexistische Sprüche kassiert, denn er bestätigt, dass die traditionellen Rollenbilder doch sehr in den Köpfen verankert seien. Dass sich durch die Reduzierung etwas an seinen Aufstiegsmöglichkeiten geändert hat, verneint Jens. Freunde und die Familie reagierten sehr positiv auf die Veränderungen und freuen sich nun mit der Familie, dass sie mit ihrem Lebensmodell so glücklich ist.

Zuhause teilen sich Jens und Tine die Aufgaben: Er macht Wäsche, bringt die Kinder zur Schule, putzt Böden und Fenster. Sie kocht, putzt das Bad und erledigt den Papierkram. Den Rest teilen sie je nachdem, wer dazu kommt.

Die beiden bestätigen, dass sie es immer wieder so machen würden, wenn sie auch betonen, dass sie sich natürlich finanziell einschränken müssen. Aber es gibt einige Gründe, warum sich das lohnt: Wir haben viel mehr Zeit für gemeinsame Mahlzeiten und Unternehmungen mit den Kindern. Der Alltag ist weniger stressig und ein Arzttermin bedarf keiner längeren Planung im Voraus. Wir sind deutlich entspannter, sagt Tine.

Beim zweiten Kind bleibt Papa zuhause: Lisa und Tim

Lisa* und Tim*, Eltern eines Acht Monate alten Kindes, haben mir auch geschrieben. Lisa hat als Psychotherapeutin eine 25%-Stelle. Tim ist Polizist und hat seine Arbeitszeit auf 75 % reduziert. Für Lisa war schon vor der Schwangerschaft klar, dass sie ihre Ausbildung schnell weitermachen möchte, denn nach der Approbation wird sie ein deutlich höheres Einkommen haben als ihr Mann. Hätte sie nach der Geburt nicht wieder gearbeitet, hätte sich das ganze um Jahre verzögert. Ich habe die beiden gefragt, wieso für sie das traditionelle Rollenmodell keine Option war:

Lisa: Weil ich gerne arbeite, auch den Job mit dem besseren Einkommen habe, aber er den sehr sicheren Beamten-Job, der auch mal eine Reduzierung verträgt. Hätte ich nicht zu Beginn Stillschwierigkeiten gehabt und nicht abpumpen können (und eine in den ersten Monaten sehr fordernde Tochter diesbezüglich) hätten wir 50:50 geteilt, was jetzt keinen Sinn mehr macht, da ich im Sommer Prüfung mache und in der Zeit nicht mehr genug Geld verdienen kann, um das Haus abzubezahlen. Das wird dann bei Kind 2 anders.

Lisa hat die Rollenteilung angeregt und die Reduzierung von Tim hat sich als völlig unproblematisch herausgestellt, da die Polizei als Arbeitgeber sich in diesem Fall als sehr familienfreundlicher Arbeitgeber herausstellte. Er kann sogar noch weiter reduzieren oder die Arbeitszeit anderweitig flexibel anpassen, wenn es in der Zukunft sein muss. Selten hört Tim blöde Sprüche der Kollegen, was aber auch am Schichtdienst liegt. Da fällt die Reduzierung nämlich gar nicht so sehr auf. Außerdem gibt es einige Kollegen, die sogar mehrere Monate mit Kind zuhause waren. Etwas skeptischer war Tims Familie, aber sie haben dann doch verstanden, wie wichtig das Beenden von Lisas Ausbildung ist.

Beide teilen sich die Hausarbeit. Tim putzt, Lisa macht die Wäsche und Essen und Einkaufen machen sie zusammen oder abwechselnd. Es ist immer einer von beiden zuhause, der dann auf das Kind aufpasst und organisatorische Fragen klären sie gemeinsam. Wenn Lisa später als Psychotherapeutin arbeitet und die beiden ein weiteres Kind bekommen, wird Tim zeitweise ganz zuhause bleiben. Das liegt auch daran, dass Lisa Freiberuflerin sein wird und ihr Verdienstausfall höher wäre. Auch die beiden müssen sich durch ihr Modell finanziell einschränken, verdienen jedoch mehr, als wenn Lisa zuhause geblieben wäre und Tim 100% gearbeitet hätte. Und obwohl sie auch ein paar Geldsorgen haben, haben sie deutlich mehr Zeit mit dem Kind und zu dritt.

Viele Familien, viele Lebenswege

Ich danke euch, ihr Vier, dass ihr eure Erfahrungen mit uns geteilt habt. Auf jeden Fall wird klar, dass bei den meisten Familien reduzierte Arbeitszeit mit finanziellen Einschränkungen eingergeht. Und dass natürlich immer die Voraussetzungen für eine Arbeitszeitreduzierung stimmen müssen – finanziell und auch von Arbeitgeberseite. Ich selber habe ganz großen Respekt davor, wenn Männer zuhause ihre Frauen unterstützen, denn die Vorurteile sind nach wie vor da und viel zu viele Menschen denken in alten Mustern. Was das Finanzielle betrifft: Ich habe neulich schon von Rachel und ihrem Mann berichtet, die nachhaltig leben und die durch den eingeschränkten Konsum sogar noch zufriedener geworden sind. Dennoch ist auch dies ein individuelles Konzept, das nicht für jeden passen muss. Eltern, denen ein teurer Urlaub oder feine Designermöbel viel bedeutet, die setzen vielleicht andere Schwerpunkte, die nicht weniger gut sind. Ich möchte mit meiner kleinen Interview-Reihe in erster Linie zeigen, dass die interviewten Familien sehr bewusst schauen, dass es für beide Elternteile gut passt. Es sind dabei immer Kompromisse zu schließen, das ist klar. Ein Leben mit genug Geld, viel Zeit, einem eigenen Haus und erfüllten Wünschen ist eine Seltenheit und vielleicht nicht einmal das Beste. Denn wenn wir uns immer wieder bewusst machen, was uns wichtig ist, dann leben wir vielleicht auch bewusster. Ich freue mich, wenn du für dich die ein oder andere Anregung bekommst, um etwas zu ändern, wenn ihr zuhause mit eurem Ist-Zustand unzufrieden seid. Und wenn reduzierte Arbeitszeit für euch beide nicht in Frage kommt und ihr euren ganz eigenen Weg gefunden habt, der für Mutter und Vater passt, ist das ebenso wunderbar. Vielleicht hast du Lust, mir in dem Kommentar davon zu erzählen? Jedes Konzept ist gut, das für zufriedene Eltern sorgt. Ob nun traditionell oder modern oder völlig anders ist!

Bleib fröhlich und unperfekt, deine Laura

Wenn du mehr von mir zu diesem Thema lesen möchtest, dann schau doch mal in unsere Rubrik Familie und Beruf vorbei. Mein Text Mütter in der Zerreißprobe ist im Dezember bei Facebook durch die Decke gegangen, und auch Papas an den Herd hat viel Resonanz gebracht. Vor einiger Zeit habe ich mal zum Aufstand aufgerufen, denn Eltern müssen selbst das Ruder in die Hand nehmen, um etwas zu ändern. Die Politik mach da noch eindeutig zu wenig, wie ich finde. In jedem Fall freue ich mich über rege und respektvolle (!) Diskussion.

*Die Namen habe ich geändert

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