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Angst und Neid unter Müttern. Mütterterror von Christina Mundlos (Buchrezension)

Mütter zu beschuldigen ist ein alter Taschenspielertrick des Patriarchats: Wie im Zauberer von Oz verwenden wir alle unsere Energie darauf, die böse Hexe aufzuspüren, so dass wir dem Drahtzieher keine Aufmerksamkeit schenken. (Elisabeth Debold, Idelisse Malwe, Marie Wilson, 1994)

Mit diesem Zitat beginnt das Buch „Mütterterror“ von Christina Mundlos. Ich habe es verschlungen und sehr viel verstanden. Wieso fühlt sich Muttersein manchmal so unglaublich anstrengend an? Wieso gibt es so viel Ärger, Neid und Missgunst unter Müttern? Wieso trägt die Gesellschaft und der Muttermythos dazu bei, dass es heute extrem fordernd ist, Mutter zu werden? Die Soziologin Christina Mundlos hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Die Mutter ist seit vielen hundert Jahren für eine gelungene Kindheit verantwortlich und spürt diesen Druck heute besonders stark. Ob Stillen, Erziehen, Brei und Einschlaf-Rituale, für alles gibt es Bücher, Internettexte und verschiedene Meinungen. Die prasseln dann von Anfang an auf die Mütter ein. Weil diese natürlich unterschiedlich sind, weiß die Neumutter bald nicht mehr, wie sie es denn nun machen soll. Mir ging es auch so, denn ich hatte von Kindern keine Ahnung und verließ mich erst auf das, was die Hebamme sagte, bis mir der Kinderarzt zu etwas anderem riet, was dann eine Mutter in der Krabbelgruppe mit erhobenen Augenbrauen quittierte.

Kampf in der Krabbelgruppe

Für all die Mühe, die sich Mütter geben, schließlich soll es den Kindern gut gehen, werden sie allerdings wenig gewertschätzt. Das liegt auch daran, dass in unserer Gesellschaft Care-Arbeit generell keinen großen Stellenwert hat. Erzieher*innen, Altenpfleger*innen oder Grundschullehrer*innen – Menschen, die sich um ganz junge und ältere Menschen kümmern, müssen sich mit niedrigen Löhnen zufrieden geben. Mütter dagegen bekommen nichts, denn Care-Arbeit wird von ihnen erwartet. Die geringe Wertschätzung gepaart mit eiserner Pefektion in Koch-, Bastel- und Erziehungsangelegenheiten sind eine brisante Mischung, schreibt Mundlos (S. 16). Im schlimmsten Fall führt das zu einer Form von narzistischem Verhalten. Innerlich fühlen sich viele Mütter herabgewürdigt und die Sorge, dass andere Menschen schlecht über ihre Mutter-Qualitäten denken, ist bei Frauen extrem hoch (Vgl. S. 171). Auf der anderen Seite und auch um dieses Minderwertigkeitsgefühl zu bekämpfen, sehen sich manche Mütter dann als die einzig wahren Expertinnen an, was ihr Kind, die Erziehung und die Mutterschaft betrifft. In Foren, Krabbelgruppen oder WhatsApp-Chats wird dann über brisante Themen wie Kinderbetreuung, Impfen, Stillen oder Geschlechterfragen diskutiert und das führt nicht selten zu richtig viel Ärger. „Um die eigenen Minderwertigkeitsgefühle nicht so stark zu spüren, werten weibliche Narzistinnen und Mütter andere ab“, schreibt Mundlos.

Das ist natürlich jetzt eine schwere Form von Mütterterror, aber jede von uns hat Ähnliches erlebt. Kritik ist oft giftig in eine Frage verpackt. „Wie alt ist dein Kind? Aha, acht Monate, und du bringst es schon zur Tagesmutter?“ Gerade was Betreuung angeht, sind Mutter gnadenlos. Dabei ist diese Form von Mütterkrieg eigentlich nur Ausdruck von einer großen Last. Mütter sind meist den ganzen Tag alleine für das Baby zuständig. Noch immer sind es meist sie, die länger Elternzeit nehmen. Sie kümmern sich um Haushalt und Kinderangelegenheiten und selbst wenn sie gerne wieder arbeiten gehen würden, wird es ihnen schwer gemacht. Erst jetzt erschien aktuell ein Text in der Brigitte Mom über die Tatsache, dass es vielen Müttern von Unternehmen schwer gemacht wird, wieder in den Job einzusteigen. Selten nehmen Väter Elternzeit, um der Frau beim Wiedereinstieg zu helfen. Eher wird gemeisam Urlaub gemacht. Also rudert die Mutter wie verrückt, um den Anschluss im Büro nicht zu verpassen. Weil sie auch eine gute Mutter sein will, arbeitet sie nur in Teilzeit und muss nachmittags hetzen, um die Kinder abzuholen.

Wir brauchen neue Strukturen

Es muss sich vor allem strukturell etwas ändern, ist die Aussage von Christina Mundlos, denn die Leugnung struktureller Wirkungen und politischer Verantwortung heizt den Mütterterror an (S. 185). Wir brauchen Wiedereingliederungsmaßnahmen statt Betreuungsgeld, sodass Frauen der Wiedereinstieg in den Beruf leichter gemacht wird. Außerdem ist es sinnvoll, einen Vaterschutz einzuführen, sodass klar ist, dass Männer sofort eine enge Bindung zum Kind eingehen können. Generell müssen Väter mehr mit einbezogen werden, zum Beispiel, indem man die Elternzeitmonate egalitärer aufteilt.

Christina Mundlos spricht über weitere Veränderungen: Forderung nach gleicher Bezahlung von Männern und Frauen, die Einführung von Frauen-Quoten und vor allem kritisiert sie das weibliche Schönheitsideal. Magere Models, tausende von Kosmetikprodukten und ein krankhaftes Schönheitsideal heizt die weibliche Konkurrenz an und macht Terror unter Frauen noch größer.

Ein Ideal, das uns in die Knie zwingt

Was Christina Mundlos auch in Frage stellt, ist das Mutterbild, an das wir glauben. Es ist ideologisch besetzt und wenn wir weiter recherchieren, gibt es keine vernünftige Grundlage für Thesen wie die, dass ein Kind nur bei seiner Mutter gut aufgehoben ist. Eine Mutter könne diese ganze Care-Arbeit einfach gut, weil sie eine Frau ist? Was für eine bequeme Ausrede für die, die nicht täglich zum Kindergarten hetzen, Kinder abholen, Essen kochen, Wäsche waschen und Nikolausteller füllen müssen. So darf es weitergehen, wenn es nach manchen Männern ginge. Dazu ist spannend, wie Susanne Mierau in ihrem äußerst empfehlenswerten Buch „Mutter.Sein“ (Affiliate Link) genau skizziert, wie moderne Bindungstheorie von rechten Netzwerken gekapert wird. Gorden Neufeld, ein neuer Erziehungspapst in der AP-Szene, schreibt zum Beispiel für die verzweigten Seiten des Mannes von Beatrix von Storch, einer AfD-Politikerin und fordert gleichzeitig, dass Mütter sich besonders in den ersten Jahren dauerhaft um die Kinder kümmern. Ich frage mich, wieso das nicht auch ein Vater kann? Christina Mundlos schreibt:

Das Wohl der Kinder darf nicht zitiert werden, um für anachronistische, fundamentalistische und freiheitsfeindliche Ansichten und die Unterdrückung von Mütter im 21. Jahrhundert missbraucht zu werden. (S. 89)

Was können Frauen selber tun?

Mundlos hat auch Ideen, was wir selbst tun können. Wir müssen nicht Opfer sein, sondern können anfangen, über den Mütterterror zu sprechen. Wenn uns bewusst wird, was dahinter steckt, fällt es uns leichter, uns von dem Druck zu befreien. Wir können uns fragen, wie wir selbst mit anderen Müttern sprechen. Werten wir sie ab, indem wir indirekt kritisieren, wie sie leben? Wie formulieren wir Erziehungstipps oder wie reagiere ich, wenn eine Mutter etwas ganz anders macht als ich selbst?

Wir können selber ganz viel tun, ehrlich zueinander sein und über den Mütterterror reden. Aber wir müssen uns auch bewusst machen, dass in unserer Gesellschaft etwas im Argen liegt. Hier Veränderungen zu fordern ist sicherlich das Beste, was man für die eigenen Kinder tun kann. Damit unsere Mädchen sich nicht gegenseitig terrorisieren müssen, unsere Jungen von Anfang an eine gute Beziehung zu ihren Kindern haben und wir alle zufriedener miteinander leben können. Das Buch Mütterterror (Affiliate Link) von Christina Mundlos ist wichtig und ich kann es dir sehr ans Herz legen.

Bleib fröhlich und unperfekt, deine Laura
Ps.: Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar und für meine Buchrecherche kostenlos zur Verfügung gestellt.

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