Familie

Die Kinder der Utopie oder wie ich mir Schule wünsche

Wie Kinder gut groß werden können

Was brauchen Kinder in den wichtigen Jahren ihrer Kindheit? Ich orientiere mich gerne am Buch Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn (Affiliate Link). Hier ist für mich bestens zusammengefasst, wie Kinder sicher, geborgen, frei und eigenständig groß werden können. Jedes Kind möchte

  • es selbst sein dürfen
  • selbstwirksam sein
  • eigene Entscheidungen treffen
  • wertgeschätzt werden
  • ein Ziel haben
  • emotionale Verbundenheit, Zugehörigkeit und Geborgenheit spüren
  • zur Bereicherung einer Gemeinschaft beitragen
  • Lachen und Spielen dürfen
  • Gefühle ausleben können
  • Struktur erleben (Vgl. S. 56 – 62)

Inklusion – der einzig richtige Weg

Für mich ist Inklusion, also das Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft, ein sehr wichtiges Thema und das vor allem, seit ich Kinder habe. Ich bin viel in Kontakt mit unterschiedlichen Kindern: mit denen in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis, mit Freunden und Freundinnen meiner Kinder, mit Familien über meinen Blog oder über Instagram, ich erlebe die Schulkameraden und -kameradinnen in der Klasse meines Sohnes, die KindergartenkollegInnen meiner Tochter und die beiden kleinen Mädchen bei der Tagesmutter meines Jüngsten. Wie unterschiedlich Kinder sein können, ist mir hier erst bewusst geworden.

Da ist ein kleines Mädchen in enfernten Freundeskreis, vielleicht hochbegabt, jedenfalls im sozialen Verhalten nicht so sehr der Norm entsprechend. Ihre Eltern könnten sie testen lassen, es käme bestimmt eine geringe Form von Asperger Syndrom oder attestierte Hochbegabung heraus. Weil das Mädchen aber fröhlich ist und Freunde hat, machen die Eltern sich keinen Kopf.

Da ist ein Mädchen mit Rechtschreibschwäche. Ob sie wohl mal Schreiben lernt? Jedenfalls ist ihre Kreativität riesig und wenn sie losbastelt, können ErzieherInnen und LehrerInnen nur staunen.

Da ist ein anderer Junge mit Down Syndrom. Seine Fröhlichkeit ist ansteckend, er hat einen unbändigen Willen, alles alleine ausprobieren zu wollen.

Da ist ein Junge mit Diabetes. Es ist wichtig, dass seine Werte regelmäßig kontrolliert werden und die Eltern machen sich oft Sorgen um ihn. Wird er mal normal in die Schule gehen können? Und wer schaut dann nach ihm und passt auf, dass die Insulinzufuhr stimmt?

Und da sind auch meine eigenen Kinder. Sie sind gesund, aber jedes von ihnen hat so seine ganz besondere Macke, wie wir Menschen eben alle. Außerdem sind wir mal knapp an einer Katastrophe vorbei geschrammt. Luise hatte als Neugeborenes eine Blutvergiftung samt Hirnhautentzündung. Es gibt Kinder, die tragen von so einer Erkrankung schwere Hirnschäden davon, andere verlieren Hände, Arme oder Beine.

Mit und ohne Behinderung – wo sind die Grenzen?

Hier frage ich mich oft: wo fängt eine Behinderung an, wo hört sie auf? Es gibt natürlich ärztliche Diagnosen, verschiedene Stufen und Regularien, aber gefühlt ist der Übergang doch manchmal fließend, oder? Aber ganz egal, wie der Vermerk auf dem Behindertenausweis lautet, wie und ob eine Behinderung diagnostiziert wurde – alle Kinder haben die gleichen Bedürfnisse, wie sie die Wunschkind-Autorinnen so schön formuliert haben, darauf kann man sich einigen. In Sachen Inklusion kommen mir vor allem folgende Bedürfnisse in den Sinn: Zugehörigkeit und Geborgenheit spüren sowie zur Bereicherung einer Gemeinschaft beitragen. Aus diesem Grund ist Inklusion für mich ein Weg und ein Ziel, für das es keine Alternative gibt!

Zusammen sein, zusammen lernen, sich gegenseitig bereichern, die Heteroginität von Menschen zeigen und unterstreichen und davon profitieren, keinen ausschließen und alle mit einbeziehen – das ist Inklusion und für mich ein Zeichen von Menschlichkeit.

Inklusion an Grundschulen

Gelebt wird dies an unserer örtlichen Grundschule. Hier wird seit Schuleröffnung inklusiv gelernt, ohne dass es die Bezeichnung damals brauchte. Ziel war immer, dass alle Kinder des Stadtteils zusammen lernen können. In der Konzeption steht auch etwas von Herausforderung, die inklusives Lernen mit sich bringt. Aber es ist vor allem eine Philosophie, die dahinter steht. Kinder mit Behinderung sollen keine Besonderheit sein, sie gehören einfach dazu. Deshalb werden Kinder mit Schwierigkeiten im Lernen, Arbeiten und Verhalten nicht ausgesondert und an eine Sonderschule empfohlen, sondern lernen vor Ort. Es werden Aktionsmöglichkeiten erweitert und zum Beispiel eine Rampe für Rollstühle gebaut. SchülerInnen mit und ohne Behinderung sollen sich begegnen, Eltern sich als Familie nicht ausgegrenzt fühlen.

Ich, die diese Schule und ihre Konzeption kennt, sehe keine Alternative zu genau diesem Weg. Es ist eine staatliche Schule, aber eine besondere. Und es ist kein Geheimnis, dass die Lehrkräfte dort Außerordentliches leisten. Auch hier fehlt es vor allem an Lehrkräften, an Krankheitsvertretungen, an Zeit und Geld. Inklusion kann aber nur dann funktionieren, wenn Politik und Gesellschaft sich dieses Zusammenleben etwas kosten lässt. Oft wird es meiner Erfahrung nach auf dem Rücken der Lehrkräfte ausgetragen. Inklusion, ja bitte. Mehr Lehrstunden, mehr Geld, mehr Mittel, leider nein.

Schwierigkeiten von Inklusion

Dass es auch Schulen gibt, an denen es anders läuft als an unserer Grundschule, weiß ich von dem kleinen Jungen mit Diabetes. Dessen Eltern bekamen von der Schulleiterin die Rückmeldung, dass die Krankheit nicht das Problem der Schule sei, Mutter und Vater hätten sich selbst um die Überprüfung der Insulinwerte zu kümmern. Ob das jetzt einfach gemein und ignorant ist, oder ob hier eine Rektorin spricht, die nicht weiß, wie sie die besonderen Bedürfnisse der SchülerInnen mit dem Lehrkräftemangel und den fehlenden Inklusionshelfern vereinbaren soll, wer weiß.

Ich möchte an der Inklusionsidee festhalten. Sollten meine Kinder krank sein, im Laufe ihrer Kindheit eine Behinderung haben oder ihre Entwicklung nicht der Norm entsprechen, so möchte ich, dass ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu ihrer Gemeinschaft erfüllt ist und wir uns als Familie einbezogen fühlen. Wir alle, die Eltern sind, wissen, dass sich Kinder so sehr danach sehnen, wie alle anderen zu sein.

Sehenswert: Die Kinder der Utopie

Ich möchte dir mit meinem Text nicht nur empfehlen, dich mit Inklusion auseinander zu setzen, sondern ich möchte dir auch einen Film ans Herz legen, der das Herz berührt und ohne Stimme aus dem Off erklärt, warum Inklusion unser aller Ziel sein muss: Die Kinder der Utopie.

DIE KINDER DER UTOPIE: ein Film – ein einziger Kinoabend in ganz Deutschland – viele Gespräche über Inklusion

Der neue Dokumentarfilm von Hubertus Siegert wird am 12. Mai beim DOK.fest München zum ersten Mal gezeigt. Am 15. Mai ist dann der große Aktionsabend geplant: es gibt bundesweite Filmvorführungen und einen Abend lang redet ganz Deutschland über Inklusion. Schau doch mal hier nach, ob der Film bei dir in der Nähe läuft und melde dein Interesse an einer Kinokarte an. Wenn deine Stadt oder dein Landkreis noch nicht auf der Karte markiert sind, dann schrei bitte ganz laut „hier“!

 

Im Film geht es um sechs junge Erwachsene mit und ohne Behinderung, die sich 12 Jahre nach ihrer Grundschulzeit wieder treffen. Sie haben damals inklusiv zusammen gelernt und es werden immer mal wieder Ausschnitte aus der Vergangenheit gezeigt, denn bereits damals wurden Szenen aus dem Unterricht aufgezeichnet. Die jungen Erwachsenen sind so voller Respekt füreinander, wie er nur entsteht, wenn man gemeinsam lebt und gemeinsam lernt.

Kommt das Thema Inklusion in unserer Gesellschaft auf den Tisch, melden sich viele Experten und Expertinnen zu Wort. Zu selten aber geht es um die Kinder selbst. Ihre Grundbedürfnisse sind alle dieselben, wie sie im Wunschkindbuch so schön aufgelistet werden. Alle möchten ein Teil dieser Gesellschaft sein, kein Kind möchte ausgeschlossen werden. Dass Inklusion gelingt und nicht auf Kosten der LehrerInnen und Schulen geht, dahin ist es noch ein langer Weg. Für mich ist er aber der einzig richtige. Das zeigt unsere Schule vor Ort und das zeigt dieser berührende Film.

Bleib fröhlich und denk dran: wir sind alle unperfekt.

Deine Laura

Zur Transparenz: diesen Film unterstütze ich ohne Honorar. Mir liegt daran, dass so viele Menschen wie möglich sehen, was Inklusion bedeutet.

1 Comment

  1. Liebe Laura,
    ja, Inklusion ist ein großartiger Gedanke und es muss viel mehr in unseren Köpfen und Herzen ankommen, wie wichtig Vielfalt ist, auch oder gerade in Bezug auf Behinderungen. Wenn ich mir aber die Umsetzung der Inklusion in der Schule anschaue, stehen mir die Haare zu Berge. Leider sieht die Realität in Regelschulen oft so aus, dass Kinder mit Behinderung einfach im Unterricht mitlaufen müssen und die LehrerInnen ihren speziellen Bedürfnissen beim Lernen nicht gerecht werden können. Ok da sitzen jetzt Kinder mit und ohne Behinderung in einer Klasse. Aber ist das dann schon alles, was wir uns für unsere Kinder wünschen? Mir persönlich reicht das nicht. Ich warne sehr davor, die Förderschulen zu verteufeln und als Orte abzustempeln, wo Kinder hin ausgesondert werden, die nicht in die Norm passen. Dort arbeiten LehrerInnen, die die Didaktik und Methodik für bestimmte Behinderungsarten vertieft studiert haben. Außerdem haben viele Förderschulen eine besondere Ausstattung und kleine Klassenstärken, sodass Pädagogen sich besser um einzelne Kinder kümmern können. Wenn bei meinem Kind ein Förderbedarf festgestell werden sollte, werde ich mir die möglichen Schulen genau anschauen und überlegen wo sich mein Kind wohlfühlen würde und wo man es gut fördern würde. Letzlich finde ich, dass alle Eltern frei wählen sollten, wo sie den best möglichen Förderort für ihr Kind sehen. Vielleicht ist es die Regelschule und vielleicht ist es die Förderschule. Wenn aber weiterhin die Förderschulen abgebaut werden, wird diese freie Entscheidung unmöglich.
    Kristina

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